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Reparativtherapie: Etwas Neues? |
[Letzte Aktualisierung: 01.12.2009 ] |
Erster Text: Mai 2009
Kann man mit der Wahl von Worten Politik betreiben, kann man damit - negativ ausgedrückt - manipulieren? Zumindest die Gefahr besteht, und der Streit um Worte im (homo-)sexuellen Bereich ist da keine Ausnahme. Es gab und gibt hier für - ja, wie drücke ich das neutral aus? - Anstrengungen, die sexuelle, speziell die homosexuelle Orientierung zu ändern, unterschiedliche Bezeichnungen:
Der unbefangenen Leser meint vermutlich: "Da ist etwas zu reparieren, und es wird durch Therapie repariert". Diese Deutung ist vor allem naheliegend, wenn man einbezieht, dass das Wort durch Übersetzung aus dem Englischen entstanden ist: "reparative therapy", das Wort "reparative" ist Adjektiv. Also repariert die Therapie etwas.
DIJG argumentiert in den letzten Jahren auf seiner einschlägigen Webseite, dass man "Reparativtherapie" befürworte. In dem Vorabdruck eines neueren Artikels von Joseph Nicolosi, dem aktiven Mitglied und früheren Präsidenten der Organisation NARTH (National Asociation for Research and Therapy of Homosexuals) in den USA, heißt es, er sei "zu der Auffassung gekommen, dass homosexuelle Akte eine Art 'Reparation' sind" [3]. Also nicht die Therapie sei reparativ, sondern die ihr vorausgehende Homosexualität sei der Versuch, etwas zu reparieren.
Diese Definition lässt sich schwer durchhalten, wenn man den Buchtitel seines Standardwerks von 1991 betrachtet; Nicolosi hat das Wort schließlich in die Debatte eingeführt: Der Titel von 1991 "Reparative Therapy of Male Homosexuality: A New Clinical Approach" deutet in keiner Weise darauf hin, dass etwas Anderes als die Therapie "reparativ" sei.
Und selbst wenn man, wie Nicolosi in neueren Artikeln und auch das DIJG es neuerdings tun, die homosexuelle Orientierung selbst als "reparativ", also als Versuch, etwas zu reparieren (etwa die fehlende Männlichkeit) beschreibt, dann ist dies nur eine Zwischenstation: Die Therapie soll gerade diesen, als defizitär empfundenen Zustand beheben: "Das DIJG unterstützt die Reparativtherapie, eine erprobte und bewährte Therapieform, die das Ziel hat, homosexuell empfindende Menschen auf ihrem selbstbestimmten Weg der Veränderung hin zur Entwicklung ihres heterosexuellen Potentials therapeutisch zu begleiten" heißt es in einer Stellungnahme "Unsere Position" des DIJG [1]. Es ist klar, dass das "heterosexuelle Potential" das Ziel ist, dass also nach wie vor etwas als defizitär und korrekturbedürftig empfunden wird. Andere Äußerungen von Dr. Christl Vonholdt gehen in dieselbe Richtung, so etwa Stellungnahmen in einem Interview mit dem "Rheinischen Merkur" [5]. In einer aktuellen Stellungnahme (3.5.2009) hat der LSVD es ähnlich ausgedrückt: "Wer der Meinung ist, dass es verschiedene sexuelle Identitäten gibt, der wird den Ausdruck "Konversionstherapie" oder "Umpolungstherapie" gebrauchen. Wer dagegen wie die DIJG und "wüstenstrom" der Meinung ist, dass alle Menschen grundsätzlich heterosexuell sind ..., der wird den Ausdruck "Reparativtherapie" gebrauchen und den Ausdruck "Umpolung" als falsch zurückweisen" [2].
Viel Lärm um Nichts. Man möchte wissenschaftlich erscheinen und benutzt neue Worte; das Ziel ist aber dasselbe geblieben.
Zu der Chance, dieses Ziel zu erreichen, habe ich an anderer Stelle genügend gesagt ( Was sagt die Wissenschaft zu Veränderbarkeit?); es soll hier nicht wiederholt werden.
Anmerkungen:
Nachtrag, 14.10.2009: Am 5.8.2009 hat die APA (American Psychiatric Association) nach langer Vorarbeit wieder zum Thema Stellung genommen; dies hat viel Aufmerksamkeit gefunden. Dort wird der Begriff "SOCE" (Sexual Orientation Change Effort) verwendet, offenbar im Bestreben, einen möglichst neutralen Begriff zu finden, an dem keine der streitenden Parteien Anstoß nimmt. Ob der Begriff sich durchsetzen wird, und ob es einen entsprechender Begriff auch im Deutschen geben wird, ist derzeit (Oktober 2009) noch nicht sicher.
© 2009 Reinhold Weicker