HuK Startseite

  Ist Homosexualität veränderbar?  

[Letzte Aktualisierung: 08.09.2007 ]

HuK-Startseite

Wer wir sind

Ökumenische Arbeitsgruppe Homosexuelle und Kirche (HuK) e.V.

Was beweist die "Spitzer-Studie" wirklich?

Von Reinhold Weicker, Paderborn

Dass es zum Thema "Homosexualität und christlicher Glaube" / "Homosexuelle und Kirche" unterschiedliche Meinungen gibt, ist bekannt. Wir wissen, dass insbesondere Christen, die die Bibel als verbal von Gott inspiriert sehen, oft meinen, gelebte Homosexualität sei unchristlich. Bei Diskussionen, die in Synoden, Gemeindegruppen usw. geführt werden, kommt jetzt aber immer wieder ein neues Argument hinzu:

Wenn man fragt, welche Wissenschaft das sei, findet man meist eine kleine Gruppe von Autoren wie Nicolosi, Van den Aardweg, die immer wieder zitiert werden. Ihr Ansehen in der Fachwelt ist allerdings durchaus umstritten, um nicht zu sagen: gering. Da kommt es den Vertretern einer Veränderbarkeits- Theorie durchaus entgegen, dass sie seit 2001 Prof. Robert Spitzer (Columbia University, USA) als eine Art Kronzeugen zitieren können. Dies ist besonders verlockend, da er 1973 in der American Psychiatric Association (APA) einer der Leute war, die dafür argumentierten, dass dieser Fachverband Homosexualität aus der Diagnoseliste der psychischen Störungen (DSM-II) gestrichen hat.

In dem Artikel von Christl R. Vonholdt "Homosexualität verstehen" [5], den man wohl als eine Art Grundsatzpapier des von ihr geleiteten Instituts (Deutsches Institut für Jugend und Gesellschaft, DIJG) verstehen kann, wird dementsprechend zur Begründung der These, dass Homosexualität eine "Entwicklungsstörung" sei, auf Robert Spitzer und seinen Vortrag von 2001 verwiesen.

Sehen wir doch einmal nach, was Robert Spitzer in seinem Vortrag von 2001 gesagt hat. Ich zitiere nach der deutschen Übersetzung seines Vortrags, wie ihn das DIJG auf seinen Webseiten veröffentlicht hat [4], also bestimmt keine Homosexuellen-freundliche Quelle.

Spitzer entwickelte einen Fragebogen, in dem u.a. nach "Schlüssel-Indikatoren für Homosexualität" gefragt wurde, z.B. sexuelle Anziehung, lustvolle Gedanken, homosexuelle Phantasien während der Masturbation, usw. Dann suchte er nach Personen, für die galt

Von den ursprünglich 274 Teilnehmern, auf die dies zuzutreffen schien, wurden 74 ausgeschlossen, so dass 200 verblieben. Der Fragebogen wurde in einem einmaligen Telefon-Interview (112 Fragen, 45 Minuten) abgearbeitet; eine weitere Kontroll-Befragung erfolgte nicht. Es wurden auch nicht, wie man erwarten könnte, nach der Gesamtheit der Personen (oder einer repräsentativen Auswahl daraus) gesucht, die eine Umorientierung angestrebt hatten, und dann untersucht "Wie viele hatten Erfolg / Wie viele hatten keinen Erfolg?". Es wurden nur solche befragt, die nach eigener Angabe "Erfolg hatten". Diese Grundsatzentscheidung kann man Spitzer, wenn er darauf offen hinweist – und das tut er – nicht vorwerfen. Von "Erfolgsquote" (manche konservative Gruppen benutzten diesen Ausdruck) kann man dann aber natürlich nicht sprechen: Wenn es eine Quote gab, dann beruhte sie nicht auf der Wirksamkeit der Methode, sondern auf der Auswahl der Teilnehmer. Und auch zu dem Grad des "Erfolgs" gibt es durchaus kritische Anfragen, z.B. gab es immerhin noch bei 71 % der männlichen und 37 % der weiblichen "erfolgreich Veränderten" homosexuelle Merkmale, die oberhalb von "gelegentlich" oder "gering" legen. Für Einzelheiten sei auf [2] und [3] verwiesen; ich will aus Platzgründen hier nicht im Einzelnen darauf eingehen.

Zur Einschätzung der Aussagekraft der Studie will ich aber der Frage nachgehen: Wer hat denn an der Studie teilgenommen? 200 Personen – das ist ja nicht allzu viel. "Fast die Hälfte der Amerikaner behauptet von sich, "born again" zu sein. Die Zahl von christlichen Homosexuellen, die Heilung sucht, dürfte also recht hoch sein. Es gibt -zig Ex-Gay-Organisationen in den USA, die alle hohe Heilungsquoten versprechen und Hunderten bis Tausenden geholfen haben wollen." [2].

Spitzer selbst gibt in seiner Studie darüber offen Auskunft, es heißt z.B. in [4] auf Folie 38 "Schwierigkeiten, geeignete Teilnehmer zu finden, läßt vermuten, daß erhebliche Veränderung eher ungewöhnlich ist." Wichtig sind vor allem die Daten in Folie 15: Für 93 % der Teilnehmer ist Religion "außerordentlich wichtig" oder "sehr wichtig"; dies ist auch für US-amerkanische Verhältnisse eine sehr hohe Zahl. Noch wichtiger: 78 % haben sich "in der Öffentlichkeit für das Recht auf Veränderung eingesetzt". Dies, zusammen mit der in absoluten Zahlen geringen Anzahl der Teilnehmer (200), bestätigt, was Spitzer auch gar nicht bestreitet: Hier wurden überwiegend die Funktionsträger von Gruppen wie NARTH o.ä. befragt. Man stelle sich eine medizinische Studie vor, die klären soll, ob ein bestimmtes Krebsmittel wirksam ist. Würde man da eine Studie als beweiskräftig ansehen, die auf einer Telefonbefragung bei der Vertriebsmannschaft dieses Krebsmittels beruht? Wenn von ihnen eine Mehrheit sagt "Ja, das Mittel hat mir geholfen"? Würde man nicht mindestens erwarten, dass über die Erfolgsquote bei allen, die das Mittel genommen haben, geforscht wird?

Dazu ein Zitat von Prof. Robert Spitzer ([4], Text zu Folie 12):
"Die 200 Teilnehmer kamen vorwiegend aus religiösen Ex-Gay Gruppen, die verschiedene Programme für Homosexuelle anbieten, die sich verändern möchten. Andere kamen von NARTH, der "Nationalen Gesellschaft für Forschung und Therapie von Homosexualität", einer Gruppe von Psychologen und Laien, die Homosexualität weitgehend als eine behandelbare Entwicklungsstörung ansehen. "Andere" waren Therapeuten, die im Bereich der sexuellen Neuorientierung arbeiten oder Teilnehmer, die sich auf Hinweise im Radio oder auf Zeitungsannoncen gemeldet hatten."

Nach eigenen Angaben hat allein NARTH an die 1500 Mitglieder [1]. Man kann annehmen, dass viele von Ihnen in therapeutischen Berufen tätig sind und Zugang zu vielen Menschen haben sollten, die für eine solche Studie in Frage kämen. Wenn nur 274 sich zu der Telefonbefragung zur Spitzer-Studie gemeldet haben (von denen 200 zugelassen wurden), dann liegt der Schluss nahe, dass es sich hier um die "Creme de la Creme" handelt. Und die Folgerung: Welche Aussagekraft hat eine Behauptung "Homosexualität ist veränderbar", wenn sie auf einer Befragung einer solch kleinen Gruppe von Menschen beruht, die noch dazu zu 78 % aus Personen besteht, die sich schon öffentlich in Richtung dieser These festgelegt hatten?

Robert Spitzer selbst schien die Problematik, die in dieser Frage steckt, zu ahnen. Seine abschließende Folie 40 sagt, es wäre ein "Mißbrauch der Forschungsergebnisse", wenn man daraus schließen wolle, "dass sie beweist: Veränderung einer homosexuellen Orientierung ist für die meisten hochmotivierten Personen möglich" (Hervorhebung von Spitzer). Außerdem sagt er, es wäre ein Mißbrauch, wenn auf Grund der Studie "Bürgerrechte vorenthalten" würden. Wissen das die streitbaren Leute von OJC, DIJG u.a. wirklich nicht? Warum gehen sie dann mit Berufung auf solche Studien in der Politik gegen das Lebenspartnerschaftsgesetz an, oder in den Kirchen gegen Offenheit für schwule und lesbische Gemeindeglieder, wenn sie sich nicht "heilen" lassen können und wollen?


Nachtrag (Sept. 2007): Für die LeserInnen, die gut Englisch verstehen, bietet ein Artikel "Analysis of Dr. Spitzer's Study on Reparative Therapy" [6] eine gute Darstellung der Studie und der Kontroversen, die ihr vorangegangen sind und die folgten. Im Anhang zu dem Artikel wird u.a. Robert Spitzer selbst wie folgt zitiert [CNN, 9.5.2001, Übersetzung RW]: "Unser Personenkreis war selbst-ausgewählt, aus dem Kreis von Personen, die schon behauptet hatten, dass bei ihnen eine Änderung gewesen sei. Wir wissen nicht, wie häufig diese Art Änderung ist. ... Ich sage nicht, dass dies leicht getan werden kann, oder dass die meisten Homosexuellen, die sich ändern wollen, diese Art Änderung machen können. Ich nehme an, dass es ziemlich ungewöhnlich ist."


Quellen:

[1] Dean Byrd: NARTH [National Association for Research & Therapy of Homosexuality]: On Track for the Future. Web-Adresse (URL) am 2.5.2007: www.narth.com/menus/future.html

[2] Valeria Hinck: Spitzerstudie, Amsterdam-Studie, etc. - was steht dort wirklich (nicht)? Ca. 4 Druckseiten. URL am 2.5.2007: www.zwischenraum.net/wirklich_spitzer.htm

[3] Valeria Hinck: Wie allwissend ist Wissenschaft im Namen des Allmächtigen ? Kritische Fragen an die Advokaten der Heilungspsychologie. Ca. 21 Druckseiten. URL am 21.2.2007: www.zwischenraum.net/allmaechtigewissenschaft.htm
Ich verdanke viele der oben angeführten Gedanken den beiden ausführlichen Web-Artikeln von Valeria Hinck.

[4] Robert L. Spitzer: Neue Studie zur Frage der Veränderbarkeit einer homosexuellen Orientierung. Vortrag bei der Jahrestagung der Amerikanischen Psychiatrischen Gesellschaft, 9.5.2001. Deutscher Text der Vortragsfolien und des Vortragstextes, vom Autor genehmigt, veröffentlicht im Bulletin 2/2001 des DIJG (Deutsches Institut für Jugend und Gesellschaft), S. 25-34. URL am 2.5.2007: www.dijg.de/pdf/bulletin_2_2001_spitzer_de.pdf

[5] Christl Vonholt: Homosexualität verstehen. Bulletin, Nachrichten aus dem Deutschen Institut für Jugend und Gesllschaft, Sonderdruck, 2006 (12 Seiten). URL am 2.5.2007: www.dijg.de/pdf/bulletin_12_sonderdruck.pdf

[6] B.A.Robinson: Analysis of Dr. Spitzer's Study of Reparative Therapy. Ca. 10 Druckseiten. URL am 8.9.2007: www.religioustolerance.org/hom_spit.htm