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Lässt sich die sexuelle Orientierung verändern? |
[Letzte Aktualisierung: 13.03.2008 ] |
Als ich meinen Eltern davon erzählte, dass ich homosexuell sei
(etwas, was man meist als "Coming Out" bezeichnet), war ihre Reaktion
unter anderem "Bildest Du Dir das nicht bloß ein? Kann man da nicht etwas tun?
Hast Du denn mit einem Fachmann darüber gesprochen?".
Ein Fachmann - das war wohl in ihren Augen ein Arzt oder Therapeut,
und tatsächlich
sprach ich, mehr ihnen als mir zuliebe, mit einem Fachmann beim damaligen
Institut für Sexualwissenschaften einer großen Universität. Das erste, was
er mir auf die Frage "Bin ich homosexuell?" sagte, war ein erstauntes
"Aber das müssen Sie doch selbst wissen und spüren". Als er dann noch sagte,
dass trotz aller unterschiedlichen Theorien über die Entstehung von Homosexualität
sich die seriösen Fachleute doch einig seien, dass dies nicht durch
Willensentschluss geändert werden könne, legte ich die Frage, wie
Homosexualität entsteht und ob sie
veränderbar ist, beiseite und war damit 30 Jahre lang zufrieden.
Dass ich mich, im Rahmen meiner Arbeit für die HuK,
jetzt doch wieder mit dem Thema beschäftige, liegt daran,
dass insbesondere konservative, oft evangelikale Kreise in den Kirchen
ihre Ablehnung von gelebter Homosexualität mit der Überzeugung begründen:
"Aber das kann man doch verändern - die Wissenschaft hat es doch bewiesen".
Die fatale Konsequenz für die Kirchen ist, dass man daraus folgert:
Von denen, die sagen "Veränderung [der sexuellen Orientierung] ist möglich - die Wissenschaft hat es bewiesen" wird seit 2001 immer wieder Prof. Robert Spitzer (Columbia University, USA) als eine Art Kronzeuge zitiert. Beispiele sind
Auf den Vortrag von Robert Spitzer bei einem Kongress der amerikanischen Psychiatrie-Vereinigung (APA) 2001 in New Orleans bin ich auf einer anderen Webseite "Was beweist die Spitzer-Studie wirklich?" [9] eingegangen; ich brauche es hier nicht zu wiederholen (Zur Spitzer-Studie siehe auch [3] und [4]). Wichtig ist vor allem die Auswahl derer, die von Prof. Spitzer befragt wurden: Man wurde nur in die Studie aufgenommen, wenn man nach eigener Einschätzung ein "Erfolgsfall" war; und 78 % der Teilnehmer hatten sich auch schon vorher öffentlich zustimmend zur These der Veränderbarkeit bekannt; es war also von ihnen kaum etwas Anderes zu erwarten. Die Frage, wie hoch denn die "Erfolgsquote" im Allgemeinen ist, wurde in dieser Studie gar nicht gestellt.
Überraschend ist demgegenüber, wie wenig bekannt die Tatsache ist, dass andere Referenten (Shidlo und Schroeder) in einem Vortrag bei derselben Tagung (2001) genau dieser Frage nachgingen: Sie befragten sowohl "erfolgreiche" als auch "nicht erfolgreiche" Menschen nach ihren Erfahrungen mit "Konversionstherapien". Die Studie wurde später in der Zeitschrift "Professional Psychology: Research and Practice" (in englischer Sprache) veröffentlicht:
Ariel Shidlo, Michael Schroeder: Changing Sexual Orientation:
A Consumers' Report
Änderung der sexuellen Orientierung: Ein "Verbraucher-Bericht"
Professional Psychology: Research and Practice 2002, Bd. 33, Nr. 3,
S. 249-259
Denen, die mit englischsprachigen Fachaufsätzen kein Problem haben, empfehle ich sehr, sich die Originalarbeit zu beschaffen und sie zu lesen. Ich bedauere, dass sie meines Wissens nicht online im Internet / World Wide Web verfügbar ist; dies ist aber verständlich: Wissenschaftliche Verlage wollen und müssen ihre Fachzeitschriften verkaufen und stellen deshalb deren Inhalt nicht kostenlos im Netz zur Verfügung. Mit etwas Aufwand müsste, etwa über Universitätsbibliotheken o.ä., der Artikel beziehbar sein. Alternativ im Web, es kostet aber $ 30,- für die Download-PDF-Datei: http://tinyurl.com/33ff2h.
Diese Webseite berichtet in kurzer Form über die Ergebnisse, vor allem für deutschsprachige Leser, denen die Beschaffung oder das Lesen des englischsprachigen Original-Aufsatzes Mühe bereiten würde.
Die Autoren nahmen in ihre Studie Personen auf, die
Ich benutze hier und im Folgenden das Wort "Therapie" in einem allgemeineren Sinn, nicht im strengen Sinn z.B. des deutschen Rechts und der deutschen Krankenkassen-Regelungen für Psychotherapie. Veränderungs-Anstrengungen, die Shidlo und Schroeder als "nicht-klinische Therapie" bezeichnen, dürften in Deutschland nicht "psychotherapeutische Behandlung" genannt werden.
202 Personen wurden in die Studie aufgenommen; 14 wurden ausgeschlossen, weil sich herausstellte, dass eine der Bedingungen für sie nicht zutraf. Wenn es sich um eine klinische Konversions-Therapie handelte, dann konnte sie von unterschiedlichem Typ sein: (1) Individuelle Psychotherapie, Typ nicht näher spezifiziert (die Mehrzahl), (2) Verhaltenstherapie, (3) Psychoanalyse, dazu verschiedene andere Therapieformen. Therapieformen wie "averse conditioning" (Anerziehen von Ekelgefühlen im Zusammenhang mit Homosexualität) kamen vor, waren aber eher selten (Sie kommen in der Gegenwart kaum mehr vor, waren aber früher recht populär). Dazu kamen eine etwas kleinere, aber immer noch große Zahl von "nicht-klinischen" Behandlungen, wie Gruppen von Gleichgesinnten ("peer groups"), oft mit religiöser (d.h. überwiegend konservativ-christlicher) Motivation. Viele Teilnehmer hatten mehr als eine Therapie durchlaufen. Die Durchschnittszahl der Therapie-Sitzungen war 188: Eine recht hohe Zahl, die auch erklärt, warum die Therapieversuche im Einzelfall bis ins Jahr 1951 zurück reichten. Zwischen der letzten Therapie-Sitzung und dem Interview für die Studie lagen im Durchschnitt 12 Jahre. Die Autoren diskutieren die Frage, ob diese lange Vorgeschichte die Ergebnisse verfälschen könnte, kommen aber zum Schluss, dass dies nicht zutreffe. Sie schreiben, dass im Gegenteil Studien, die auf Befragungen noch während der Therapie oder kurz nach deren Ende beruhen, ein falsches Bild ergeben könnten; manche Teilnehmer würden ihre Therapie später noch anders beurteilen.
Es gibt eine beträchtliche Anzahl von "Ex-Ex-Gays", in den USA mit einer eigenen Webseite. Dem europäischen Leser drängen sich hier Beispiele auf wie die von
Sicher nur zwei einzelne Beispiele; sie zeigen aber, wie es gerade prominenten Vertretern der Ex-Gay-Bewegung auch gehen kann. Eine umfangreichere Liste solche Beispiele findet man in [2].
Die Mehrzahl der Teilnehmer waren Männer (182 = 90 %), nur 20 (10 %) waren Frauen. Die ethnische Verteilung zeigt ein gewisses Übergewicht weißer Männer, sonst aber keine auffallenden Besonderheiten. 133 Teilnehmer (66 %) betrachteten sich als religiös (die Mehrzahl protestanisch), 49 (24 %) als nicht religiös.
Die Autoren stellten fest, dass es bei fast allen Teilnehmern zu Beginn eine Begeisterungs-Phase ("honeymoon period") gegeben hatte, in der sie sich von der Therapie viel erhofften. Beweggründe, an einer Therapie teilzunehmen, lagen sowohl in der persönlichen Unzufriedenheit mit dem Gefühl, schwul oder lesbisch zu sein, als auch - bei den religiös motivierten Teilnehmern - bei dem Gefühl von Schuld in religiösem Sinn, bei der Furcht vor Ablehnung innerhalb ihrer Kirche, auch der Furcht vor ewiger Verdammnis.
Die Autoren teilten die Befragten je nach ihrer Selbsteinschätzung des "Erfolgs" in zwei große Gruppen ein,
Eine erste Einordnung auf Grund der Interviews ergab 176 Personen (87 %), die nach eigener Einschätzung einen Fehlschlag in der Konversionstherapie hatten, und 26 (13 %), die nach eigener Einschätzung Erfolg hatten.
Interessant mag erscheinen, dass diese Zahl gar nicht so weit entfernt sind von den (seltenen) Fällen, in denen Verfechter von Konversionstherapien Prozentzahlen nennen: Van den Aardweg spricht in seinem Buch "Das Drama des gewöhnlichen Homosexuellen" von 11 %, die in vollem Sinn mit seinen Therapien "Erfolg" hatten.
Die "Nicht Erfolgreichen" wurden von den Autoren für die Zeit nach dem Festellen des Fehlschlags in zwei Gruppen eingeteilt:
Viele Teilnehmer sagten auch, sie hätten ihrem Therapeuten gegenüber die Fortdauer gleichgeschlechtlicher Gefühle verschwiegen. Kommentar der Autoren: Das mag bei manchen Therapeuten zu einer Überschätzung der Anzahl der "Erfolgs-Fälle" beigetragen haben.
Bei den 26 Personen, die sich selbst als erfolgreich bezeichneten, wurde noch näher nachgefragt: 12 bezeichneten sich als "successful and struggling", d.h. als erfolgreich, aber immer noch mit homosexuellen Gefühlen kämpfend; das Wort "slip" (hier: Rückfall) kam öfters vor. 6 bezeichneten sich als "successful and not struggling"; 3 von ihnen lebten zölibatär (weder homosexueller noch heterosexueller Sex). Nur 8 (4 %) erfüllten die strengeren Voraussetzung für eine Aufnahme in die Kategorie "Verschiebung zum Heterosexuellen hin": (a) 3 Punkte oder weniger aus der Kinsey-Skala, (b) Selbst-Bezeichnung als heterosexuell, (c) kein homosexuelles Verhalten mehr, sondern nur noch heterosexuelles Verhalten, (d) eine funktionierende heterosexuelle Partnerschaft. 7 dieser 8 Personen boten selbst Ex-Gay-Beratung an, 4 davon als bezahlte Mitarbeiter in Ex-Gay-Organisationen.
Im Endzustand teilen die Autoren die Gruppe der 176 "Erfolglosen" in 155, die sie mit dem Begriff "injured-recovery-of-gay-identity" bezeichnen, also als nach wie vor bzw. wieder homosexuell empfindend, aber langfristig verletzt (Symptome von Depression, Drogenmissbrauch, auch von Selbstmord-nahen Zuständen; "das soziale Netz der Konversionstherapie funktionierte nicht, und es gab kein bejahend schwul-lesbisches Netz, um es zu ersetzen") und in 21, die sie mit "resilient-recovery-of-gay-identity" bezeichnen: Diese Personen nahmen ihre Identität als Schwule bzw. Lesben ohne Schuldgefühle (wieder) auf, sie wurden von den Autoren als psychisch stabil bezeichnet.
Die Autoren machen kein Hehl aus zwei Punkten, die von Gegnern ihrer Studie später oft als Kritik genannt wurden:
Die Autoren diskutieren in dem Artikel - wie in wissenschaftlichen Zeitschriften üblich -, ob die Identität der Autoren oder der anfängliche Rekrutierungsweg im Gewinnen von Teilnehmern eine bestimmte Richtung des Ergebnisses zu Folge gehabt haben könne. Sie berichten über die routinemäßige Information der Teilnehmer über die Tatsache, dass die Autoren und Interviewer offen schwule Psychologen seien, und über die Reaktionen der Teilnehmer auf die Frage "Haben Sie das Interview als voreingenommen empfunden?". Sie berichten, dass die Teilnehmer, auch die, die aus Ex-Gay-Gruppen vermittelt worden waren, die Frage nach Voreingenommenheit verneint hätten. Fairerweise muss man natürlich sagen: Das ändert nichts daran, dass auch hier - wie bei allen Studien von hüben oder drüben - der Rekrutierungsweg und damit die Auswahl der Teilnehmer eine Rolle gespielt hat.
Es ist bekannt, dass schon der Versuch, eine repräsentative Gruppe von Homosexuellen überhaupt zu bekommen, oder den Prozentsatz Homosexueller in der Gesellschaft allgemein zu bestimmen, schwierig ist: Wenn emotionale, kirchliche oder politisch-gesellschaftliche Voreinstellungen eine Rolle spielen (in einigen Bundesstaaten der USA ist praktizierte Homosexualität nach wie vor strafbar), ist es äußerst schwierig, wissenschaftlich gesicherte Aussagen zu erhalten. Auskünfte in diesem Gebiet sind vorsichtiger zu beurteilen als Auskünfte auf die Frage, ob man lieber Ford oder Opel fährt. Ebenso schwierig ist es, wissenschaftlich wirklich repräsentative Zahlen zu bekommen, wenn es um "Erfolg" oder "Mißerfolg" von Therapien geht, die für den Teilnehmer immer auch mit persönlichen Erfolgs- oder Versagens-Gefühlen verbunden sind. Die einzige Chance scheint darin zu bestehen, Studien trotzdem so objektiv wie möglich durchzuführen und offen über die Randbedingungen zu berichten. Dies haben die Autoren meiner Ansicht nach getan.
Eine Darstellung verschiedener Argumente zu solchen Studien findet man z.B. in der offenen Enzyklopädie "Wikipedia" (deutschsprachige bzw. englischsprachige Ausgabe; die englischsprachige Ausgabe ist bei vielen Stichworten ausführlicher). Einschlägig sind hier die Artikel [12] (deutsch) bzw. [11] (englisch). Allerdings ist bei Wikipedia hierfür wie für alle umstrittenen Themen zu beachten, dass der große Erfolg des offenen Lexikons auch dazu führt, dass Interessengruppen der einen oder der anderen Richtung sich bemühen, Artikel (bei denen jed(r) als Autor(in) mitwirken kann) in ihrem Sinne zu beeinflussen. Die Inhalte entsprechender Wikipedia-Webseiten ändern sich daher auch häufiger als die von Seiten mit eher "technischen" Inhalt.
Ein interessanter Artikel zum Bekanntheitsgrad der beiden Vorträge, die beide bei der APA-Tagung 2001 gehalten wurden und die beide später in wissenschaftlichen Zeitschriften erschienen sind (Spitzer und Shidlo/Schroeder), findet sich auf den Webseiten der USA-weiten "national media watch group" FAIR [6]: Während die Spitzer-Studie bald in aller Munde war ("Es gibt doch erfolgreiche Heilungen!"), blieb die Shidlo/Schroeder-Studie ("Wie groß ist die Zahl der Nicht-Erfolgreichen, und welche Probleme entstanden für sie?") fast unbekannt. Dies habe aber mehr mit der US-Medienlandschaft zu tun als mit dem wissenschaftlichen Wert der Studien. In dem Artikel "Controversy, Not Credibility" [6] wird, vor einer Aufzählung des Medienechos, die ironische Frage gestellt:
Ein dort zitierter Kommentar von Ariel Shidlo:
Quellenverweise auf die Eingangs-Webseiten (Home Pages) von Organisationen u.a. sind als "Links" in den Text eingearbeitet. Wie immer, gilt auch hier: Quellenverweise sind genau solche, sie stellen keine Empfehlung des Autors oder der HuK dar.