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[Letzte Aktualisierung: 16.05.2008 ]

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Ökumenische Arbeitsgruppe Homosexuelle und Kirche (HuK)

Lesben, Schwule und ihre Eltern berichten

[ Angelika | Franz | Gunnar | Hiltrud | Hugo | ]

In dem Arbeitsheft der HuK zum Projekt ”Farbe bekennen” (88 Seiten) sind neben allgemeiner Information zum Thema Homosexualität auch einige Erfahrungsberichte zur Lebenssituation von Lesben und Schwulen enthalten. Auch wenn die Berichte jetzt schon einige Jahre alt sind, sind viele Erfahrungen denen ähnlich, die auch heute von Schwulen und Lesben im ”Coming Out” gemacht werden. Einige Berichte werden deshalb hier wiedergegeben; im Maße des arbeitsmäßig Möglichen (Einscannen/Eintippen der Berichte aus dem Arbeitsheft) sollen allmählich alle diese Berichte, die einige unterschiedliche Lebenssituationen von Schwulen und Lesben schildern, wiedergegeben werden.

Hiltrud

1961 wurde ich in einer Ruhrgebietsstadt als Tochter einer Bergarbeiterfamilie geboren.

Konflikte mit den Rollenerwartungen, die damals an ein Mädchen gestellt wurden, gab es schon in meiner frühen Kindheit. Als Fahrzeug wünschte ich mir einen sogenannten "Trampeltrecker". Die Reaktion meiner Eltern bestand in der Feststellung:."Das ist nur etwas für jungen", und statt des ersehnten Treckers bekam ich ein Dreirad.

Als Mädchen wurde von mir erwartet, meiner Mutter bei der Hausarbeit behilflich zu sein. Wenn ich aufgrund mangelnder Begeisterung auf meinen älteren Bruder verwies, dem seine Drückebergerei in solchen Aufgaben eher nachgesehen wurde, erhielt ich,zur Antwort: "Du bist schlieálich ein Mädche".

Diese Erfahrungen der Kindheit und Jugend lieáen mir die einer Frau zugewiesene Rolle nicht sonderlich attraktiv erscheinen. Oft bedau- erte ich, kein Junge zu sein, da in meinen alltäglichen Erfahrungen Jungen in vielen Bereichen besser wegkamen als Mädchen. Inwiefern diese Situation zu meinem späteren Lesbischsein beigetragen hat, vermag ich nicht zu beurteilen.

Zu Beginn der Pubertät, als gleichaltrige Mädchen erste Freundschaften zu Jungen aufnahmen, bemerkte ich zunächst, daß ich hieran eigentlich kein Interesse hatte. Stattdessen schwärmte ich aus der Distanz für einige meiner Lehrerinnen und fühlte mich zu ihnen hingezogen. Aufgrund der halbbewuáten Erkenntnis, daá solche Empfindungen als nicht normal angesehen werden, wagte ich mit niemandem darüber zu sprechen. Etwas später begann ich dann, mich in gleichaltrige Mitscühlerinnen zu verlieben. Auch diese Gefühle verbarg ich sowohl vor den Betroffenen als auch vor allen anderen Menschen und lebte somit in einer ständigen inneren Zerrissenheit.

Ich versuchte, im Rahmen sogenannter normaler Freundschaft möglichst viel Zeit mit meiner jeweils Umschwärmten zu verbringen. Hatte dieses Mädchen eine andere intensive Beziehung zu einer Freundin, so waren die sich bei mir entwickelnden Eifersuchtsgefühle stärker, als wenn sie eine Beziehung mit einem Jungen begann. Letzteres wirkte eher ernüchternd auf mich, da es mir vor Augen führte, wie irrealistisch meine projizierten Wünsche und Vorstellungen waren. (Zumindest lebte ich aus Mangel an Vorbildern damals noch in der Vorstellung, alle anderen Mädchen bzw. Frauen außer mir m¨ssen heterosexuell sein.)

Diese Angst vor der jeweils erwarteten Enttäuschung hinderte mich wohl auch daran, jemals meine Gefühle der Frau, in die ich gerade verliebt war, offenzulegen.

Für mich selbst war ich mittlerweile zu der Einsicht gelangt, lesbisch zu sein, auch wenn ich die "Hoffnung" nicht aufgab, mich vielleicht eines Tages doch noch für Jungen bzw. Männer zu interessieren, um den Erfordernissen der gesellschaftlich erwarteten Normalität zu genügen.

Mit etwa 16 Jahren schloá ich mich einer Jugendgruppe unserer Pfarrgemeinde an, die von einer Pastoralreferentin geleitet wurde. Der Themenkreis "Freundschaft, Liebe, Partnerschaft" wurde hier unter dem ausschlieálichen Blickwinkel der Beziehung zwischen Jungen und Mädchen behandelt. Sexualität im engeren Sinne kam hierbei kaum zur Sprache, wenn doch, so wurde sie uns als exklusives Vorrecht der Ehe dargestellt.

Später war diese Pastoralreferentin der erste Mensch, demgegenüber ich mein Lesbischsein eingesttand. Hier habe ich dann echte Hilfe und Seelsorge erfahren und in vielen nachfolgenden Gesprächen Hilfe zur Selbstannahme erhalten.

Ein Jahr nach dem Abitur verlieá ich meine Heimatstadt, um in Münster Sozialpädagogik zu studieren. Zum Ende des Studiums entdeckte ich bei einem Semestereröffnungsabend der Katholischen Studentlnnengemeinde den Infotisch der Arbeitsgruppe "Homosexuelle und Kirche". Die Existenz von Gruppen für Schwule und Lesben war mir natürlich auch schon vorher bewuát gewesen. Ich hätte allerdings nie gewagt, dort- hin Kontakt aufzunehmen. Ich vermutete, daß ich dafür ein nach auáen gerichtetes Eingestehen meiner homosexuellen Identität und die Bereitschaft zu radikalem politischem Engagement als Voraussetzungen mitbringen müßte. Aufgrund meiner religiösen Sozialisation im katholischen Elternhaus und meiner frühen Aktivität in der kirchlichen Jugendarbeit, signalisierte der Aspekt "Kirche" in Titel und Programm der HuK für mich allerdings auch eine gewisse Heimatlichkeit. Nach einigen weiteren Wochen des Hin- und Herüberlegens nahm ich erstmals an einem Abend der HuK-Regionalgruppe Münster teil.

Nun begann erst mein eigentliches Coming out, verbunden mit dem Bedürfnis, nach dem eigenen Eingeständnis meiner lesbischen Identität auch mit Menschen aus meinem Freundes- und Familienkreis darüber zu sprechen.

Entgegen meiner früheren Ängste, als Lesbe nicht akzeptiert zu werden, habe ich bisher berwiegend gute Erfahrungen gemacht. Schwierig war allerdings das Gespräch mit meinen Eltern, insbesondere meine Mutter war sehr schockiert und als aktive Katholikin um ihren Ruf in der Gemeinde besorgt, falls meine Veranlagung in meinem Heimatort bekannt werden sollte.

Die Treffen unserer HuK-Gruppe finden in den Räumen der Katholischen Studentlnnengemeinde statt. Darüber hinaus werden wird von dort finanziell und ideell unterstützt. So haben z.B. in der Vergangenheit mehrere gemeinsame Veranstaltungen zum Themenkreis Homosexualität stattgefunden.

Diese Offenheit der Katholischen Studentlnnengemeinde stellt im Gegensatz zu dem "Schreiben der Kongregation für die Glaubenslehre über die Seelsorge an homosexuellen Pers en" von 1986 ein Zeichen praktizierter Solidarität dar.

Für die Zukunft wünsche ich mir, als lesbisch lebende Christin in der katholischen Kirche auch von offizieller Seite einen Platz eingeräumt zu bekommen.

Hugo

Zu den spektakulären Fällen von hauptamtlichen kirchlichen Mitarbeitern, die wegen ihres schwulen Lebenswandels über Disziplinarverfahren vom Dienst suspendiert werden, gehöre ich nicht. Nein, ich gehöre zu der großen Dunkelziffer von schwulen Mitarbeitern in der Kirche, die an der Stelle, an der es für ihr Dienstverhältnis gefährlich werden könnte, den Mund halten und aus Angst schweigen; denn schließlich bin ich nicht für mich allein verantwortlich, sondern möchte weiterhin mit meinem Gehalt, das ich als Pfarrer beziehe, meine Frau und meine Kinder unterhalten.

Ich erzähle im Folgenden holzschnittartig vom Bewuátwerden meiner schwulen Identität (Coming Out) und von meinen Erfahrungen mit der Kirche, die ich als schwuler Pfarrer gemacht habe.

Ich bin verheiratet und habe Kinder. Bis zu meinem 30. Lebensjahr war ich mir nicht bewußt, daß ich schwul oder wie man so zu sagen pflegt "homosexuell veranlagt" bin. Ich hatte Gefallen an jungen, sportlich und drahtig aussehenden Männern, auch an Skulpturen von nackten Männern oder an entsprechenden Ballettszenen; aber das war so mein stilles Geheimnis, das ich nie mit Homosexualität in Verbindung brachte. Ich kannte keine "Homozene", konnte niemand meine geheimen Gefühle mitteilen. Ich hätte es gerne getan, aber mit wem hätte ich über so etwas reden sollen!?

Es kamen schwere Jahre. Einerseits spürte ich immer mehr, daß ich mich sexuell zu Männern angezogen fühlte, andererseits konnte ich meine anerzogenen christlichen Moralvorstellungen mit meinen Gefühlen in Einklang bringen. Ich konnte Homosexualität an sich und bei anderen Menschen tolerieren, nicht aber daá ich selbst homosexuell war. Diese innere Zwiespätigkeit wurde immer schlimmer, grenzte ans Unerträgliche und belastete insgeheim meine eheliche Beziehung. Wie gerne hätte ich mit einem Seelsorger darüber geredet, wenn diese tödliche Tabuisierung nicht gewesen wäre!

Der groáe, befreiende Durchbruch aus meinen Ängsten geschah an jenem Kirchentag in Düsseldorf, als ich bei einer Veranstaltung der HuK in einer Selbsterfahrungsgruppe von schwulen Vätern landete. Es war für mich ein Grunderlebnis von Solidarität, wie ich es bisher nie in meinem Leben erfahren hatte: von Menschen (schwule Väter und teilweise zugleich Pfarrer) sich getragen zu wissen; verstanden zu werden; ohne Ängste alles von sich erzählen zu können, weil die anderen ähnliche oder gleiche Probleme von sich erzählen. Ich durfte sein vor Gott und vor Menschen, so wie ich bin! Diese Empfindung und dieses Bewußtsein gaben mir Lebenskraft. Ich bekam Mut, mit anderen über meine Homosexualität zu sprechen, weil ich mich selbst akzeptierte, wie ich war.

Die Gespräche mit meiner Frau und später mit meinen Kindern. über meine Homosexualität verliefen nicht ohne Probleme. Die Mitgliedschaft in einer HuK-Regionalgruppe und die Auseinandersetzung mit entsprechender Literatur über Glaube, Bibel und Homosexualität waren mir eine unentbehrliche Hilfe für meine weitere Auseinandersetzung in Familie und Freundeskreis. Alte Freundschaften zerbrachen zwar zum Teil, dafür gewann ich neue Freunde.

Ich meiner Kirchengemeinde im ländlichen Raum habe ich als Pfarrer mein Schwulsein als Gratwanderung empfunden. Ich sah mich der Gefahr Ausgesetzt, bei der Kirchenleitung denunziert zu werden und in der seelsorgerlichen Arbeit blockiert zu sein. Als Beispiel ein gravierendes Erlebnis: In einer Kirchengemeinderatssitzung wurde die Ansteckung mit Aids durch den Gemeinschaftskelch bei der Abendmahlsfeier diskutiert. Dabei fiel unter anderem die Žuáerung: "Aids ist eine Strafe Gottes für die Homosexuellen. Solche Leute gehören auch heute mindestens in Arbeitslager, damit sie ihre abnormale Verhaltensweise vergessen." Ich setzte mich in der weiteren Diskussion für die Homosexuellen ein, sagte, daß sie genauso von Gott geliebte Menschen sind wie alle anderen, daá sie genau wie alle anderen Menschen ein Recht auf die Erfüllung ihrer sexuellen Bedürfnisse haben und als vollwertige Gemeindeglieder in der Kirche anerkannt werden müssen. Ü:ber diese, meine Äuáerungen waren einige, nicht alle Kirchengemeinderäte entsetzt, entsetzt darüber, daá ihr Dorfpfarrer gleichgeschlechtliche Liebesbeziehungen bejahte. Man warf mir Kontakte zu bestimmten Personen in der Gemeinde vor, die unter dem Verdacht der Homosexualität standen. Ich ließ mir solche Kontakte nicht verbieten. Das setzte eine Gerüchteküche im Dorf in Gang: "unser Pfarrer ist andersrum". Ich selbst litt unter dem inneren Konflikt: Eigenlich möchte ich, ohne gleich ein Bekenntnis daraus zu machen, sagen können: ich bin nun halt mal schwul, was soll's, ich tue deshalb meine Arbeit nicht schlechter und nicht besser. Aber um meine Stellung halten zu können, muáte ich mein Schwulsein, das ein Teil meiner Identität ist, verleugnen. Ich wurde auch von mir wohlgesinnten Personen darum gebeten, doch zu schweigen.

Solche Versteckspiele machen auf die Dauer krank. Das kann nicht der Wille Gottes sein. Ich m&ou,l;chte weiterhin meinen Dienst in der Kirche als Pfarrer wahrnehmen, ohne daá es von Belang ist, ob ich mit meiner Frau und/oder mit einem Freund eine liebevolle Beziehung mit allen Licht- und Schattenseiten lebe und daraus Kraft für meine Arbeit schöpfe. Ich kann anderen Menschen helfen, kann sie verstehen begleiten oder auch unterweisen, wenn ich nur selbst mit einem Menschen im Fühlen und Denken, in Hoffnungen und Ängsten Gemeinschaft habe, ganz gleich ob in einer hetero- oder homosexuellen Beziehung.

Gunnar

Leib, Seele und Geist - Das Schlagwort dieser Drei-Einheit, die den Menschen ausmacht, habe ich noch heute deutlich im Ohr aus der frommen christlichen Erziehung durch meine Mutter. Dabei wurde immer betont, daß allein der christliche Glaube imstande ist, dem Menschen nicht nur etwas für den Leib zu geben, sondern vor allem auch für die Seele und den Geist. Aus dem freikirchlichen Milieu kommend, wurde mir von meiner Mutter die Bibel ans Herz gelegt als das Buch mit dem allein man auskommen kann im Leben und das Antwort gibt auf alle Fragen.

Um es gleich vorwegzunehmen: Ich bin meiner Mutter, gerade heute vielleicht mehr als sie denkt, dankbar für die Saat des Glaubens, die sie in mich gelegt hat.

Mein Christsein wurde mir schon früh zur Selbstverständlichkeit und gab mir Geborgenheit, hier konnte ich immer wieder Zuflucht finden. Mangelnde soziale Kontakte gab es bedingt, wurden aber gleichzeitig auch wieder (zum Teil) ausgeglichen durch musische Interessen und Betätigungen. Mir fehlte eigentlich nichts Wesentliches.

Da ich für Mädchen und später für Frauen nicht das empfand, was ich ”normalerweise” hätte empfinden müssen, litt ich auch nicht an der Ermangelung einer Freundin. Einen echten Freund hingegen wünschte ich mir sehr, sowohl schon mit 13 als auch mit 26 Jahren, allerdings immer nur abstrakt und absolut ohne sexuelles Verlangen. Was wußte ich denn auch über Homosexualität? Meine Mutter sorgte sich bei der Erziehung sowohl um eine mögliche Verführung rung ihrer Tochter durch einen Mann als auch ebenso um ihren Sohn. ”Wenn Du da zu dem Kantor zum Orgelunterricht fährst (o. ä.) ... Weiát du, es gibt so Männer, die ihren Spaß an Jungen haben.” Homosexualität im damals immerhin schon stattfindenden Sexualkundeunterricht war natürlich ein absolutes Randthema. An meinem bischöflichen Gymnasium gab es aber doch die eine oder andere Lehrkraft, die mir allgemein ein liberales Weltbild vermitteln konnte. ja, und dann gab es da natürlich auch noch die Bibel. Was ich im Alten Testament zu dem Thema fand, konnte ich ebenso wie die wenigen Paulusäußerungen getrost zur Seite legen: Das vom Gesetz freimachende und überhaupt befreiende Evangelium meines Herrn lesus Christus hatte ich schon zu gut verinneröicht. Wenn dann zum Thema meine Meinung als Christ gefragt wurde, zögerte ich nicht: ”Ich finde nichts dagegen, also kann ich es nicht verurteilen. Ich finde aber auch nichts dafür.” Beim Thema wurde ich auch nie rot, selbst dann nicht, wenn ich, wie mehrfach geschehen, gefragt wurde: ”Sag mal ... Bist Du eigentlich schwul?” - Die Antwort darauf war schließlich leicht. Nein, ich war nicht schwul, schließlich hatte ich noch nie mit einem Mann etwas gehabt. Und erst dann war man doch schwul, oder? Außerdem dachte ich auch, schwul sein, das will man. Oder eben nicht. Ich wollte natürlich nicht. Das schien mir viel einfacher so, und ich dachte lieber an vier eigene Kinder mit einer Frau, die allerdings erst noch kommen muáte, oder sagen wir es fromm, die Gott mir noch geben würde.

Gott hat mehrere Anläufe unternommen, doch ich war eine harte Nuß. Aber er ließ natürlich nicht locker, und so hat er es dann schließch auch dazu kommen lassen, daß ich mir meiner Homosexualität endlich bewußt werden konnte. Da war ich allerdings schon 27 Jahre alt. In den eineinhalb Jahren seither bin ich durchaus so etwas wie ein neuer Mensch geworden, ich habe meine Ganzheit, meine Drei-Einheit gefunden: zu der Seele und dem Geist endlich auch den Leib. Der Leib wird von der christlichen Tradition auch heute noch leider überwiegend nur anerkannt zur Askese oder zu gesunder sportlicher Betätigung. Der Leib ist aber mehr als nur die sterbliche Hülle für die Seele auf Erden. Ich hoffe, daá die Christen bald zu ihrem Leib und der dazugehörenden Sexualität als einem vgn Gott gegebenen Geschenk finden werden. Danach werde ich auch mit gespanntem Interesse verfolgen, wie der Streit um die Homosexualität beigelegt werden wird. Den Zuspruch Gottes kann mir aber heute schon so oder so niemand nehmen. Gottes ”ja” zu meiner Homosexualität gibt auch immer wieder Kraft, um durchhalten zu können. Diskriminierungen sind schwer zu ertragen und begegnen einem auf Schritt und Tritt: Mein Freund, mit dem ich nun seit einem zusammen bin und den ich meiner Mutter schon vorgestellt habe, wird von ihr konsequent ignoriert. Da kommen keine Nachfragen, es werden keine Grüße bestellte.. Wie anders wäre das, wenn ich als ihr einziger Sohn mit meinen 28 Jahren ihr endlich eine Freundin vorgestellt hätte! Doch soll ich ihr das verübeln? Sie steht doch nur beispielhaft für ihre Generation und kann eigentlich nicht anders. Hilfe braucht also unsere gesamte Gesellschaft: Die Homosexuellen selbst, um mit sich besser zurecht zu kommen und zu sich selbst stehen zu können, und die übrige Gesellschaft, um nach einer notwendigen Aufklärung zu Verständnis und Toleranz finden zu können. Welch eine Aufgabe gerade für unsere Kirchen!

Angelika

Meine Kindheit und Jugend verbrachte ich im Ruhrgebiet Ich war die älteste Tochter (Jahrgang 1952) einer Arbeiterfamilie, in der meine Mutter die „zentrale“ Figur war. Auf Meinungen, die der ihrer nicht entsprachen, reagierte sie oft mit dem Ausspruch „Rege mich nicht auf, sonst muß ich wieder ins Krankenhaus. Und wie es ist, ohne Mutter groß zu werden, habe ich erlebt und möchte es dir ersparen“. So war ich eine gehorsame Tochter und füge mich in die mir zugedachte Rolle.

Schon früh lernte ich das aktive Kirchengemeindeleben in meinem Heimatort kennen, denn meine Eltern arbeiteten ehrenamtlich in verschiedenen Arbeitskreisen und Gremien mit.

Große Konflikte hatte ich, als ich 20-jährig für einen Mann schwärmte und erkennen mußte, daß dieser homosexuell war. Aus dieser seelischen Kontroverse konnte ich mich damals nur mit einer „Flucht“ befreien. Ich zog nach Bayern und arbeitet dort in verschiedenen Heimen; das bedeutete ungünstige Arbeitszeiten, freie Zeit dann, wenn andere Menschen arbeiteten. Ich lebte für meine Arbeit.

Aufgewacht bin ich nach dem Tod meines Vaters, 1980; da merkte ich: Die Arbeit kann doch nicht alles sein. Ich suchte wieder den Kontakt zur Außenwelt und ging zögernd aber gezielt auf Leute zu und versuchte Freundschaften zu knüpfen. Aber wiederum mußte ich erkennen, daß Männer, die mich ansprachen, schwul waren.

Immer wieder fragte ich mich: Warum passiert das gerade dir? Denn in dieser Zeit war mein Wunsch nach Geborgenheit und Nähe besonders ausgeprägt, verbunden mit dem Verlangen nach vielen eigenen Kindern. Ich stellte meine Sexualität infrage und hielt mich für ein Neutrum – für asexuell.

Ab 1986 machte ich aktiv in der Kirchengemeinde am Ort mit und lernte dort die Regionalgruppe der HuK kennen, die sich in den Räumen des Gemeindezentrums traf. Interesse an der HuK hatte ich durch meine Erfahrungen schon, aber eine große Schwellenangst hielt mich zurück- 1989 fuhr ich zum Kirchentag nach Berlin. Dort merkte ich, wie mein Augenmerk auf Veranstaltungen fiel, die sich mit Sexualität, Freundschaft, Partnerschaften beschäftigten und stellte fest, daß mich diese Thematik ansprach, mich beschäftigte und ich immer mehr darüber wissen wollte. In diesen Tagen zogen Bilder der Jugendzeit an mir vorbei, wie ich nur mit Freundinnen zusammen war, für Lehrerinnen schwärmte, im Beruf mit Jungengruppen immer Schwierigkeiten hatte. Solche Bilder stützten meine Vermutung, die ich erst vorsichtig als Frage formulierte: Bin ich lesbisch?

Es war eine Erkenntnis, die mich zuerst erschreckte, mir große Angst machte und vor allen Dingen hilflos im Umgang mit mir und den anderen Menschen. In der Zeit meines „Coming Out“ lernte ich so nach und nach wider mich zu akzeptieren, so wie ich bin. Dinge, die ich mir in früheren Zeiten nicht hatte erklären können, Fragen, die ich nicht hatte beantworten könne, fanden nun Erklärung und Antwort. So war meine Schwärmerei für schwule Männer wohl darin begründet, daß ich mich durch ihre Sensibilität und ihr Einfühlungsvermögen angesprochen fühlte.

Bei der Verarbeitung all dieser Probleme halfen mir Menschen aus meinem sozialen Umfeld, und das waren Leute, die gleichzeitig in einer Kirchengemeinde arbeiteten. Ich fühlte mich dadurch von „der Kirche“ verstanden und getragen. Eine gute Erfahrung in dieser Situation. Bei einigen verwunderte mich die Reaktion, wenn ich offen bekannte, daß ich lesbisch bin: „das habe ich mir gedacht, aber... “. Später schlug diese Verwunderung auch mal in Wut um, weil niemand es offen angesprochen hatte. Da merkte ich, wie das Thema in unserer Kirche und Gesellschaft noch tabuisiert wird.

Ich bin vor einigen Monaten in eine andere Stadt gezogen, und es fällt mir trotz meiner positiven – Erfahrungen schwer in dieser neuen Umgebung Kontakte außerhalb der HuK-Gruppe zu knüpfen. Ich habe im Moment auch meine Bedenken, ja Ängste vor Arbeitgeber, Kolleginnen und Umwelt, wenn bekannt würde, daß ich in einer homosexuellen Partnerschaft lebe.

Nach meiner Erfahrung ist das Leben für mich zwar bunter, schöner, lebenswerter geworden, aber durchaus nicht einfacher.

Franz

Geburtsjahr 1933, aufgewachsen als 2. Bauernsohn in einem liberalen, aber sehr religiösen katholischen Elternhaus auf dem Lande. Der Vater fiel im 2. Weltkrieg, als ich 8 Jahr alt war. Meine Mutter mußte sich um den Betrieb kümmern. Es blieb ihr wenig Zeit für ihre 3 Jungen. Die folgenden Jahre verbrachte ich teilweise bei einer kinderlosen Tante und in Pensionen, um das Gymnasium in der nächsten Stadt besuchen zu können. Das Ende der Kriegswirren 1945 erlebte ich so auch fern von meinem Elternhaus. Da ich meine Mutter nur wenig sah, hatte ich ein besonders inniges Verhältnis zu ihr. Das blieb auch in meinem späteren Leben so. Stets mußte ich gegen meine innere Weiblichkeit und Empfindsamkeit ankämpfen. Ich galt in meinem ganzen Leben immer als anders als die anderen, als meine Brüder. Ich verstand mich immer sehr gut mit Mädchen und lehnte rohe und rauhe Spiele mit Jungen, insbesondere Fußball, ab. In der Pubertät hatte ich sexuelle Kontakte mit gleichartigen Jungen. Ich berührte sie gern. Doch als der eine Junge, den ich besonders gern mochte, mit seiner Familie verzog, blieben die gleichgeschlechtlichen Kontakte aus. Ich war jetzt 15 Jahre alt. Die Mädchen begannen, mir nachzustellen, da ich groß und schlank war und gut aussah. Ich entzog mich ihnen. Mit 18 verließ ich die Schule vorzeitig mit der mittleren Reife und wollte zu den Steyler Missionaren nach Kanada gehen. Aber meine Familie gestattete es mir nicht. Ohne ihr Geld konnte ich nichts unternehmen. Außerdem war ich noch nicht volljährig. So erlernte ich gegen den Willen meiner Familie den landwirtschaftlichen Beruf. Sie hielten mich zu schwach dafür. Doch nun bewies ich es ihnen, daß ich Energie und Tatkraft, Stärke aufbringen konnte, wenn ich es wollte. Ich setzte mich in meinem Beruf durch und unterdrückte alle in mir vorhandene Schwäche. Ich bewies so, daß ich ein richtiger, zielstrebiger, erfolgreicher junger Mann war, obwohl mir nicht immer danach zumute war. Meine katholische Religion bedeutete mir sehr viel von Jugend an. Da ich stets in evangelischen Familien und Ortschaften beschäftigt war, lernte ich es früh mich für meinen Glauben durchzusetzen. Da hielt mich niemand zurück, wenn ich über Land zum Gottesdienst fahren mußte. Ich tat mehr dafür als mancher in meinem Alter. Ich sorgte mich aber auch stets um andere Menschen. Mein soziales Verhalten und das Gefühl für den Mitmenschen war in mir stets stark ausgeprägt. Hierbei stellte ich meine Bedürfnisse immer zurück. Erst der andere, dann ich. In sexuellen Wünschen erlaubte ich mir keine Nähe zum anderen Geschlecht, obwohl ich mit den Mädchen sehr gut befreundet war. Meine Sexualität war insbesondere durch meine strenge religiöse Erziehung und Auffassung von der Ehe sehr eingrenzt. Ich lebte und erlebte sie nicht vor meiner Heirat mit 28 Jahren.

Meine freie Zeit, die in der Landwirtschaft sehr eng bemessen war, setzte ich für ideelle Zwecke ein. Nach meinem Berufswechsel in den Beamtendienst des Landes erreichte ich mit Energie und Ausdauer schnell die höchsten Positionen. Wieder ließ ich meine inneren Bedürfnisse nur in sehr begrenztem Rahmen zu. Auch in meiner Ehe mit meiner Frau, die ich sehr liebte (und auch heute noch liebe), die wie ich sehr religiös erzogen war und mit der ich in der Ehe die Sexualität zum ersten Mal erlebte, war ich kühl und reserviert. Wir konnten zwar offen über die Sexualität, aber nicht über sexuelle Praktiken sprechen. Wir konnten sie nicht ausleben. Viel mehr als die Pflicht zur Fortpflanzung sahen wir zu Anfang nicht darin. Nach dem 3. Kind, nunmehr im Alter von 38 Jahren, hatte ich meine erste Begegnung mit einem Mann in einer öffentlichen Toilette. Es war mehr Zufall. Doch von diesem Tage zog mich das gleiche Geschlecht magisch an. Die Schuldhaftigkeit meines Tuns war mir hierbei besonders gegenüber meiner Frau bewußt, weil ich meine Frau hinterging. Ich sprach sehr bald mit ihr darüber. Sie konnte es nicht verstehen und versteht es bis heute nicht. Trotzdem hielt sie zu mir, weil sie mich sehr liebte und nicht auf mich verzichten konnte. Durch die Kontakte mit Männern, die meiner Frau (sie ist sehr sensible auf diesem Gebiet) nicht entgingen, entstanden immer häufiger Wortwechsel und Vorwürfe, Streit. Streit auch in anderen Lebensbereichen. Das Vertauen zueinander war gestört worden. Je mehr wir uns stritten, um so häufiger suchte ich die gleichgeschlechtlichen Berührungen, um so schlechter ging es mir danach seelisch. Ich bemühte mich um Enthaltsamkeit, aber es gelang mir nur zeitweilig. Ich konnte mit diesem Trieb in mir nicht fertig werden. Bisher hatte ich alles mit starkem Willen durchgesetzt und bitterer Vorwürfe erfahren, daß diesem Gefühl nicht beizukommen war. Wir suchten Ärzte und Geistliche auf, um nach Lösungen zu suchen. Auch Psychiater konnten mit all ihren Methoden und Medikamenten nicht helfen. Ich fiel über 2 Jahre in tiefe Depressionen. Ich wünschte mir lieber den Tod, als so weiterleben zu müssen. Mit Hilfe meiner Frau überwand ich die Depressionen und fand wieder neuen Mut. Doch es wurde mir mit der Zeit immer klarer, daß ich eine starke homosexuelle Veranlagung in mir hatte. Bisher hatten wir es allen verschweigen können. Die Kinder hatten es im Alter von 11 bis 13 Jahren erfahren. Sie schwiegen wie wir. So galten wir nach außen stets als vorbildliches, harmonisches Paar. Dies war besonders für mich eine starke innere Belastung. Aber wegen meiner Frau und der Kinder hielt ich es aus. Doch nach 18 Jahren war meine innere Kraft nach diesem Doppelleben zu Ende. Meine Kinder hatten ihre Berufsausbildung beendet.

In der Kirche war ich in der ganzen Zeit engagiert tätig, zeitweilig im Kirchenvorstand, im Pfarrgemeinderat und die ganze Zeit über als Lektor und viele Jahre als Kommunionhelfer. Ich gab diese Tätigkeiten nach und nach auf Drängen meiner Frau auf, weil sie den moralischen Druck nicht aushalten konnte. Als ich alle mir liebgewordenen Tätigkeiten aufgegeben hatte, fühlte ich mich frei von Bindungen. Nun gab ich meinem inneren Drängen nach und suchte die Freiheit. Ich verließ meine Familie und fand gleich darauf einen Freund, mit dem ich kurze Zeit zusammenlebte. Doch das Milieu gefiel mir gar nicht. Die Sprache war mir nicht geläufig. Ich trennte mich sehr bald von ihm und war nun ganz allein in einer kleinen Wohnung mitten im Häusermeer der Großstadt. Ich fühlte mich allein, erschöpft, ohne Kraft. Alle Geschwister, Verwandten, früheren Freunde und die Mitchristen meiner Gemeinde hatten sich angewidert von mir abgewandt. Das ist bis heute so geblieben. Nur meine Mutter hielt trotzdem zu mir, obwohl sie es nicht verstehen konnte. Dafür wurde nun auch sie gemieden. Meine Frau hielt auch weiterhin zu mir, aber sie wollte stets, daß ich allem abschwöre und wieder zurückkomme. Mit der Homosexualität wollte sie nichts zu tun haben. Sie paßte nicht in ihr katholisches Weltbild. Ich war mit den Nerven total am Ende. Meine körperliche Gesundheit schwand mehr und mehr. So ging ich in eine Nervenklinik. Hier fand ich nach vielen Wochen mein inneres Gleichgesicht wieder. Ich war nun 54 Jahre und begann mir ein neues Leben aufzubauen. Nach einer weiteren Enttäuschung mit einem jüngeren Mann, der eine sehr enge Beziehung wünschte, suchte ich mir eine Wohnung in einem Vorort im Grünen. Unmittelbar danach lernte ich meinen jetzigen Freund kennen. Ich wohne jetzt 2 Jahre mit ihm zusammen. Durch ihn kam ich zur HuK und lernte so viele gute Freunde kennen. Sie führten die Sprache, die mir zusagte. Hier fand auch mein Jesus-Glaube wieder eine Heimat, die mir meine katholische Kirche nicht mehr geben konnte. Ich war mir nun voll bewußt, daß ich schwul war. Ich wollte nicht in einem Ghetto leben. So suchte ich auch viele heterosexuelle Freunde, mit denen ich mich unterhalten und austauschen konnte.

So wurde ich in Gedanken wieder jung. Ich wurde verstanden und angenommen. Ich bin wieder aktiv. Meine Gesundheit hat sich sehr gebessert. Kurzum ich fühle mich befreit von einer jahrelangen Last. Ich habe alle Schuldgefühle abstreifen können. Ich muß mich nicht mehr für mein schwules Leben entschuldigen. Ich muß nicht ständig Sühne leisten. Die engen Grenzen der katholischen Moralvorstellungen kann ich so nicht für mich und alle homosexuellen Menschen anerkennen. Daher arbeite ich mit anderen HuK-lern daran, die Kirchen in ihren Grundauffassungen zur Homosexualität zu verändern. Nur so kann anderen Menschen mit homosexueller Veranlagung geholfen werden, sich so anzunehmen, wie sie sind. Sie sollen Teil der Gesellschaft sein, weil sie die Gesellschaft mit ihrer besonderen Veranlagung ändern und bereichern können.