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Bibel und Homosexualität: Die Bibel mit schwul/lesbischen Augen gelesen |
[Letzte Aktualisierung: 04.04.2007 ] |
Das Thema "Bibel und Homosexualität" wird häufig nur unter einem etwas eingeengten Blickwinkel gesehen: Einige Stellen der Bibel werden oft zitiert, wobei die einen argumentieren "Da liest man doch ganz klar, dass homosexuelles Tun verurteilt wird", während andere argumentieren, dass den biblischen Autoren Homosexualität, wie wir sie heute sehen, als Prägung des Menschen, ganz unbekannt war und dass deshalb diese Stellen nicht einfach wörtlich als Verurteilung der Homosexualität verstanden werden dürfen.
Mehrere Texte, die sich mit dem Thema "Bibel und Homosexualität" auseinandersetzen, auch der Text Bibel und Homosexualität aus der Arbeitsheft "Farbe bekennen" der HuK, den wir auf unseren Webseiten dokumentieren, haben diesen "verteidigenden" Charakter. Ähliches gilt für mehrere Texte, die von Fachtheologen stammen oder auch von offiziellen kirchlichen Stellen herausgegeben wurden. So gut und nötig diese Texte sind, in denen beschrieben wird, wie die von Konservativen oft zitierten Stellen nicht zu verstehen sind, kommt ein Aspekt dabei doch oft zu kurz, nämlich die Frage: Gibt es nicht auch Abschnitte in der Bibel, bei denen Schwule und Lesben ihre Situation, oder zumindest eine der ihrigen ähnliche Situation wiederfinden können? Also Bibelstellen, aus denen Homosexuelle Ermutigung für ihr Leben speziell als Schwule und Lesben ziehen können? Dieser Frage soll in dem folgenden Text nachgegangen werden.
Noch mehr als für andere Aussagen im Bereich "Bibel und Homosexualität"
gilt hier, dass es stark von der persönlichen "Theologie", der
eigenen Lese-Erfahrung mit biblischen und anderen Texten abhängt,
zu welchen Folgerungen man kommt.
Es soll deshalb explizit gesagt werden, dass der folgende Text
nicht ein offizielles Papier der HuK, sondern eine
eher persönliche Äußerung ist. Allerdings stand nicht die
persönliche Frage "Welche Bibelstellen sind mir besonders wichtig?"
im Vordergrund (Hier wären die Antworten noch subjektiver
und unterschiedlicher gewesen), sondern speziell die
Frage nach biblischen Zeugnissen, die besonders für
Schwule und Lesben relevant sein können.
Der Text ist die überarbeitete Fassung eines Referats bei einem
Treffen der HuK-Regionalgruppe Paderborn (Geschrieben Oktober 2005,
noch einmal geringfügig überarbeitet April 2007).
Es gibt eine bekannte Anzahl von Bibelstellen, die in Auseinandersetzungen (z.B.
HuK-Gästebuch im Internet) immer wieder zitiert werden. Die kritische
Auseinandersetzung mit einer naiv-verbalen Auslegung dieser Stellen
bildet einen Großteil der Literatur, die unter
"Bibel und Homosexualität" bekannt ist.
Es geht dabei meist um
Auf einen kurzen Nenner gebracht, ist das Fazit der apologetischen (verteidigenden) Literatur: Bei diesen Bibelstellen geht es nicht um Homosexualität, um homosexuelle Liebe im heutigen Sinn. Das ist zwar richtig, aber doch etwas unbefriedigend: Ist denn die Abwehr einer falschen Bibelinterpretation, einer naiv-verbalen Auslegung das Einzige, was es zum Thema "Bibel und Homosexuelle" zu sagen gibt? Hier will ich statt dessen der Frage nachgehen:
Eine denkbare Antwort wäre: Nichts, absichtlich nichts. Begründungen könnten sein:
Aber auch sonst ist diese Antwort unbefriedigend. Es gibt Gegenbeispiele:
Beide Strömungen haben der Theologie wichtige Impulse gegeben. Also machen auch wir uns auf die Suche: Wo finden wir uns wieder?
Manche behaupten: "Paulus war schwul": Dies knüpft üblicherweise an den "Pfahl im Fleisch" an, von dem Paulus in 2. Kor. 12, 7 spricht:
Könnte es sein, dass er schwul war und dass seine heftige Abwehr gegen homosexuelles Verhalten und gegen Sexualität allgemein (Paulus meinte allgemein, es sei besser, keine Sexualität zu praktizieren; siehe etwa 1. Kor. 7,1) einer Verdrängungshaltung entsprang? Andererseits: Eine solche Interpretation ist recht spekulativ, und es gibt auch andere Interpretationen zu dem „Pfahl“: Epilepsie? Kurzsichtigkeit?
Eine Außenseiter-These ist: "Jesus war schwul". Diese These wird von
manchen vertreten, z.B. von dem Oldenburger Schriftsteller Klaus Dede in seinem
auch imWeb/Internet angepriesenen Buch
Jesus - schwul?.
Im Klappentext zum Buch heißt es plakativ:
"Die Pastoren wissen es seit eh und je.
Manche Gläubige ahnen es.
Klaus Dede sagt es: Jesus war schwul"
Im Einzelnen macht der Autor (der sich selbst als
Atheist bezeichnet) sich die platte Interpretation "Jesus
war schwul" möglicherweise doch nicht zu eigen.
Die These wird begründet u.a. mit dem Bericht von dem Jünger,
"den Jesus liebhatte, der lag bei Tisch an der Brust Jesu" (Joh. 13,23),
oder mit der Lazarus-Erzählung (Joh. 11, vor allem Vers 36):
"Siehe, wie hat er ihn liebgehabt".
Dazu gibt es auch eine Stelle aus dem
"geheimen Markus-Evangelium" (in [1], S. 926-927, datiert auf 130 n.Chr.,
überliefert aber erst im Jahr 1646), die eine solche Interpretation suggeriert.
Andererseits wurde bei Jesus auch über "Frauengeschichten" spekuliert, z.B. über eine Liebe zu Maria Magdalena. Er lässt sich von einer Frau (Maria, Schwester der Martha) mit einer teuren Salbe salben (Joh. 12, 1-8). Die einzige seriöse und in unserem Zusammenhang auch nicht unwichtige Feststellung ist aber wohl die, dass er vor Berührungen nicht zurückschreckte, auch wenn es Berührungen mit Außenseitern waren, die von den auf Reinheit bedachten Zeitgenossen eher gemieden wurden.
Zu Jesus als "Privatperson" muss man aber wohl sagen: Wenn Jesus in physischer Hinsicht (Gestalt, Barttracht) oder in seinem Geschlechtsleben (über das im Neuen Testament nichts überliefert ist) von dem "normalen" Bild eines wandernden Rabbi abgewichen wäre, hätten dies seine Gegner vermutlich als Argument gegen ihn verwendet. Weder im Neuen Testament noch in zeitgenössischer antichristlicher Literatur ist etwas in dieser Richtung bekannt. Jesus war also wohl "normal", was immer das heißt. Über sein Sexualleben (wenn er eines hatte) ist nichts bekannt.
In der Bibel steht insgesamt wenig über Erotik, Zärtlichkeit, Liebe mit sexuell/erotischer Komponente, auch im heterosexuellen Bereich nicht. Ausnahmen sind:
Die Welt Israels war umgeben von Kulturen, in denen Erotik eine große Rolle spielte, auch religiös. Das könnte zu einer Haltung beigetragen haben "So sollt ihr nicht sein, das tun die Heiden". Angesichts dieser Zurückhaltung der biblischen Autoren ist aber doch interessant, dass es trotzdem einige wesentliche Erzählungen gibt, bei denen man als Schwuler, als Lesbe genauer hinsehen sollte.
Die Freundschaft, ja Liebe zwischen David und Jonathan, dem Sohn von Davíds Vorgänger, Auch-Liebhaber, Konkurrenten und Verfolger Saul, ist vielen bekannt. Sehr bekannt ist die Klage Davids über Jonathans Tod, in der der Satz vorkommt
Nach den beiden ist sogar die französische Gruppe benannt, die dort der HuK entspricht: "David et Jonathan". Die konservativen Anti-Schwulen, denen es ein Graus wäre, wenn in der Bibel Gedanken an eine erotische Liebe zwischen Männern vorkommen, sagen sofort: "Ja, das war eine echte Freundschaft zwischen Männern, das hat aber mit Erotik und Sexualität nichts zu tun."
In der Tat ist von Sexualität im engeren Sinn nicht die Rede, von Gefühlen und damit von Erotik zwischen Männern aber doch sehr viel: Einige der relativ breit ausgemalten Einzelheiten aus der Freundschaft zwischen David und Jonathan (z.B. 1. Samuel 20, vor allem V. 17: "... er hatte ihn so lieb wie sein eigenes Herz", Verabredung auf dem Feld) weisen in der Tat auf eine erotische Komponente, auf intensive Gefühle zwischen den beiden hin. Und eigentlich nur als Vorwurf des sexuellen Vergehens kann der Satz von Saul, dem enttäuschten Auch-Liebhaber Davids, gedeutet werden, wenn er zu seinem Sohn Jonathan sagt:
Eine andere, wörtlichere Übersetzung schreibt "... zur Schande der Blöße deiner Mutter" – ein Ausdruck, der öfters bei sexuellen Vergehen benutzt wird. Der biblische Erzähler hält aber zu Jonathan und zu David:
Wir kennen natürlich auch die "Frauengeschichten", die über David erzählt werden, u.a. die Geschichte seines Ehebruchs mit Bathseba und, damit verbunden, die "Beseitigung" ihres Mannes Uria, das klassische Beispiel für das Gebot "Du sollst nicht ehebrechen" im Alten Testament (2. Samuel 11). Wir könnten mit heutigen Begriffen David vielleicht als bisexuell bezeichnen – aber wird die Anwendung solcher Kategorien aus späterer Zeit ihm gerecht?
Die Erzählungen über David und Jonathan werden von verschiedenen Theologen unterschiedlich eingeschätzt. Brouwer und Hirs, obwohl bewusst schwule Theologen, spielen sie eher herunter:
Schroer und Staubli dagegen bekräftigen ihre Interpretation in einem neueren Artikel noch einmal:
Ich neige inzwischen mehr zu der Interpretation von Schroer und Staubli: Die Erzählungen in den Kapiteln 16, 18 und 20 im ersten Samuelbuch und in Kapitel 1 des 2. Samuelbuches (Man lese sie einmal vollständig!) sind einfach zu eindringlich, als dass man sie als "Na ja, ist halt eine enge Freundschaft" klein-interpretieren könnte.
Wie die Liebesgeschichte zwischen David und Jonathan auch für Gemeinden allgemein, nicht nur speziell für Schule und Lesben, vermittelt werden kann, zeigt eine Predigt aus einer Predigtreihe "Liebespaare in der Bibel".
Die Geschichte von Ruth und Naomi, im Buch Ruth erzählt, wird gern zitiert, weil hier eine Frau zu einer anderen sagt "Wo du hingehst, da will auch ich hingehen" (Ruth 1, 16-17); dieser Satz wird oft als Trauspruch gewählt. Ist es also das ideale Motto für eine Partnerschaftssegnung für Lesben? Einerseits spricht der Text klar von den Rollen der beiden Frauen in der Gesellschaft: Sie sind Schwiegermutter (Naemi) und Schwiegertochter (Ruth). Und im Buch Ruth, Kap. 2-4, wird auch geschildert, wie Ruth und ein Mann (Boas, ein entfernter Verwandter der Naemi) einander kennen und schätzen lernen und schließlich heiraten (Der spätere König David ist ein Enkel der beiden). Andererseits bleibt doch festzuhalten: Das, was Boas und seine Leute an Ruth so bewundernswert finden, ist ihre Treue und Zuneigung zu Naemi. Erotische Anspielungen wie bei David und Jonathan fehlen hier zwar; die gegenseitige Zuneigung und Treue wird aber besonders hervorgehoben.
Die "Verschnittenen" (Luther-Übersetzung), also die Entmannten, die wegen einer Verletzung, wegen einer Mißbildung oder einer Krankheit nicht zur Zeugung von Nachkommen fähig sind, wurden einmal als "die sexuelle Minderheit der Bibel" bezeichnet. Von ihnen ist im Alten Testament an zwei interessanten (und widersprüchlichen) Stellen die Rede:
Dann aber steht beim zweiten (oder dritten?) Jesaja:
Wir sehen eine Entwicklung in der Frage "Wer kann zur Gemeinde gehören?" Die damalige traditionelle Auffassung, die noch weit bis in unsere Zeit hinein ihre Auswirkungen hatte, war "Viele Kinder zu haben ist das Zeichen des Segens Gottes". Auch im Neuen Testament noch, in der Erzählung von der Geburt des Johannes (Lukas 1), schimmert diese Auffassung durch: Keine Kinder zu haben ist eine Strafe Gottes. Demgegenüber sind die Sätze aus dem Jesajabuch revolutionär: Auch die Kinderlosen, die, die gar nicht zu Nachkommenschaft fähig sind, sollen "einen ewigen Namen" bekommen.
Von Jesus sind an mehreren Stellen schroffe Sätze über die traditionelle Familie überliefert. Im Markus-Evangelium wird berichtet:
Dem zögernden Nachfolger, der zunächst seinen Vater begraben will, sagt er:
Dies passt so gar nicht zur traditionellen "Familien-Ideologie" der Kirchen: Ihm war das Offensein für Gott, das "Reich Gottes", wichtiger. Und dann gibt es die folgenden, schwierig zu interpretieren Sätze:
Könnte er damit auch die "Verschnittenen" gemeint haben? Die Züricher Bibel übersetzt mit "verschnitten", und das ist auch korrekter: Im Griechischen steht ευνουχοι, also Eunuchen = Verschnittene.
Und dann ist an einer wesentlichen Stelle der Apostelgeschichte, als zum ersten Mal ein Nicht-Jude sich taufen läßt, von einem Eunuchen die Rede (Apg. 8, 26-40); die Entwicklung, die bei Jesaja begonnen hat, wird hier fortgesetzt. Die traditionelle Überschrift dieses Abschnitts in Luther-Bibeln hieß "Der Kämmerer aus dem Mohrenland". Die Züricher Bibel ist etwas korrekter und schreibt
Hier verschweigt aber auch die Züricher Bibel, dass im griechischen Text von "ευνουχος" die Rede ist, also wieder von einem Eunuchen. (Wenn die Herrscherin eine Frau ist, oder als Aufseher über einen Harem, beauftragte man gern Eunuchen).
Ich will nicht so weit gehen wie ich es einmal bei christlichen Schwulen in den USA gelesen habe: Dort habe ich eine Interpretation angetroffen, die auf der Basis von Texten des Codex Hamurabi (Assyrisches Reich) argumentierte, dass mit "Eunuchen" in Wirklichkeit solche gemeint seien, die sich zu Frauen nicht hingezogen fühlen, also "Schwule" in heutiger Terminologie. Ich glaube, dies wäre für die biblischen Stellen eine nicht korrekte Interpretation.
Trotzdem haben diese Aussagen und Berichte über Eunuchen, über "Verschnittene" für unsere Situation durchaus eine Bedeutung. Denn wenn wir die übliche amtskirchliche (vor allem römisch-katholische) Argumentation von der "Schöpfungsordnung" betrachten, so läuft sie auf die Aussage hinaus: "Homosexualität ist defizitär, weil aus einer homosexuellen Begegnung keine Kinder entstehen können". Dasselbe gilt auch für Eunuchen, auch sie können keine Kinder bekommen. In der Gemeinde, wie sie Jesaja sieht und wie sie dann im Neuen Testament gezeichnet wird, haben sie aber doch ihren Platz. Zusammenfassend gilt:
Zusammen mit der Tatsache, dass Jesus sich oft gerade an damals ausgegrenzte Minderheiten wandte, scheint mir das sehr wichtig zu sein.
Eine andere Erzählung des AT wird von schwulen Theologen gern herangezogen, die Exodus-Erzählung (Auszug aus Ägypten, trotz der Unsicherheit der Zukunft, in die sie Gott führt). Sie ist eine der ältesten und zentralsten Erzählungen des AT (älter als die Schöpfungsgeschichte, hörte ich einmal), und grundlegend für das "Glaubensbekenntnis" des alten Israel (5. Mose 26, 1-11 als Worte beim Erntedank, 5. Mose 6, 20-24 als Kurzfassung in der Familie):
Beim traditionellen Seder-Mahl (Passah-Fest) wird ein ähnlicher Dialog in jüdischen Familien auch heute noch als Ritual wiederholt.
Die Schwarzen in den USA haben die Geschichte von Israel in Ägypten als Beschreibung ihres Zustands, ihrer Unterdrückung und Befreiung verstanden (vgl. die Texte vieler Spirituals). Ähnlich vergleichen schwule Theologen die Exodus-Erzählung mit dem "Coming Out" eines Schwulen: (Vermeintliche) Geborgenheit in der (heterosexuell dominierten) Welt, von der sie merken, dass sie in einem wesentlichen Punkt nicht unsere Welt ist. Zu den beidem Erfahrungen
meinen Brouwer und Hirs:
Nicht alle Schwulen und Lesben haben ein explizites Coming Out erlebt, bei dem sie sich von einer heterosexuellen Lebensperspektive losreißen mussten. Vielen aber ging es so, und ihnen kann die Exodus-Erzählung der Bibel durchaus Kraft schenken.
Eine "positive" Interpretation der Bibel speziell aus schwul/lesbischer Sicht kann nicht einfach die Methode nachmachen, einige Bibelstellen herauszupicken, die zu "passen" scheinen. Wenn Anhänger der These "Die Bibel ist in jedem Satz wörtlich Gottes Wort" das tun,
Schwule und Lesben können nicht so "einfach" argumentieren, dem anderen ein Bibelzitat an den Kopf werfen, so wie es uns gegenüber oft getan wird. Ihre Argumentation verlangt mehr grundsätzliches Nachdenken über die Bibel, wobei ein wenig theologische Kenntnisse hilfreich sind (auch für "Laien"). Aber ich kann nur Staubli zustimmen, wenn er dazu ermuntert, auch einmal die Bibel "mit Queer-Augen" zu lesen – nicht ausschließlich so, aber ab und zu doch einmal. Dann sehen wir durchaus: Wir finden uns in den Bibel wieder, nicht nur mit unseren allgemein-menschlichen Erfahrungen (das sowieso), sondern auch mit unseren speziellen Erfahrungen als Schwule und Lesben.