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Vier Facetten meiner Person |
[Letzte Aktualisierung: 09.08.2007 ] |
Das folgende Statement eines HuK-Mitglieds ist aus Anlass des CSD-Gottesdienstes Stuttgart (27.07.2007) entstanden, Biblischer Text dazu war 1. Kor. 12, 12 – 27 "Der eine Leib und die vielen Glieder", Leitfragen waren: "Wie fühle ich mich als der, der ich bin, in meinem Glauben, in meiner Kirche? Fühle ich mich als wichtiges unersetzbares Glied am Leib Christi?"
Ich bin alt-katholischer Christ. Ich bin schwul. Ich bin Lebenspartner. Ich bin Vater. Vier Facetten meiner Person, die mich (unter anderem) ausmachen, die mich auszeichnen und charakterisieren. Vier Merkmale, die mich auch von anderen unterscheiden, die zu meiner Biographie gehören und mich unverwechselbar machen.
Vier Merkmale, die mich zu diversen Minderheiten zuordnen:
Was tragen diese persönlichen Merkmale zu meinem Glauben bei? Wie haben sie ihn geprägt (und werden ihn sicher weiter prägen, denn Glauben ist ein ständiger Prozess, keine feste unveränderbare Konstante)?
Als jemand, der gut kirchlich sozialisiert aufwuchs, für den von klein auf das In-die-Kirche-gehen und das Sich-kirchlich-engagieren eine Selbstverständlichkeit war, hatte ich ein schwieriges Coming-out – das Schwierigste daran war sicher der jahrzehntelange innere Kampf, mit mir selbst "ins Reine" zu kommen – und das ist durchaus wörtlich zu verstehen: wenn jede Sexualität tabuisiert ist und Homosexualität als eine der schlimmsten Sünden angesehen wird, dann fühlt man sich als junger Schwuler schmutzig, verdorben und sündhaft. Das innere Coming-out führte dann auch verständlicherweise zur äußeren Kirchendistanz. Die Sehnsucht nach der Liebe Gottes und der Gemeinschaft derer, die Jesus Christus nachfolgen wollen, blieb aber, und Gott-sei-Dank merkte ich im Laufe der Jahre, dass es nicht nur beim himmlischen Vater viele verschiedene Wohnungen gibt, sondern auch hier auf Erden in seiner Kirche. Queergottesdienste, die Gruppe "Homosexuelle und Kirche (HuK)" und die alt-katholische Gemeinde sind meine persönlichen Wegweiser auf der Suche nach Beheimatung geworden.
Was ich bisher "begriffen" habe vom Evangelium, ist folgendes:
Worauf es bei der christlichen Nachfolge ankommt, ist ganz ausschließlich das Hauptgebot der LIEBE - Gottesliebe und Nächstenliebe (Matthäus 22, 26ff. u.a. "Daran hängen das ganze Gesetz und die Propheten", dazu Römer 13:10 "Also ist die Liebe die Erfüllung des Gesetzes") - das gilt unterschiedslos für Hetero- wie für Homosexuelle u.a., denn (Galater 3, 28) "es gibt nicht mehr Juden und Griechen, nickt Sklaven und Freie, nicht Mann und Frau, [nicht Heteros und Homos,] denn ihr alle seid eins in Christus Jesus". Augustinus fasst das nachbiblisch zusammen in seinem Satz "Liebe, und tu was du willst."
Für die Gemeinschaft der Christen gilt (1. Korinther 12, 12ff) das Bild vom "einen Leib und den vielen Gliedern", und der Zuspruch Paulus’ gilt auch Schwulen und Lesben: "Ihr aber seid der Leib Christi, und jede(r) einzelne ist ein Glied an ihm."
Was das Angenommensein durch Gott angeht, ist mir die Aussage des Psalms 139 wichtig: "Herr, du hast mich erforscht und du kennst mich. ... denn du hast mein Inneres geschaffen, mich gewoben im Schoß meiner Mutter. Ich danke dir, dass du mich so wunderbar gestaltet hast. Ich weiß: staunenswert sind Deine Werke." Und dass ich als schwuler Mensch geschaffen / geboren / geprägt / erzogen (was auch immer) wurde, ist kein Missgriff, kein Fehler, denn s chließlich schuf Gott den Menschen als sein Abbild, "und siehe, es war sehr gut" (Genesis). Im Buch der Weisheit wird Gott angesprochen: "Du liebst alles, was ist, und verabscheust nichts von dem, was du gemacht hast; denn hättest du etwas gehasst, so hättest du es nicht geschaffen."
Paulus schreibt im Anschluss an sein Wort von der „Missgeburt“, und das nehme ich gerne auch für mich in Anspruch: „doch durch Gottes Gnade bin ich, was ich bin“ (1. Kor. 15, 10).
Meine konkrete kirchliche Heimat habe ich vor Jahren in der alt-katholischen Gemeinde Stuttgart gefunden, und ich fühle mich hier nach wie vor sehr wohl und gut aufgehoben – weil ich als Person in meiner Gesamtheit gesehen, akzeptiert und behandelt werde und nicht reduziert werde auf mein Schwulsein. Doch ich muss das auch nicht totschweigen oder verstecken – es gehört einfach ganz selbstverständlich dazu. Mein Mann und ich wurden als Paar in der Gemeinde willkommen geheißen, wir konnten uns einbringen und engagieren, und wir fühlen uns auch als die ganz besondere Familie, die wir sind, als Teil der Gemeinde, als Glieder am Leib Christi. Bei unserer Partnerschaftssegnung fühlten wir uns von der Gemeinde getragen, als wir uns versprachen, unser Leben mit Gottes Hilfe gemeinsam leben zu wollen. Die Menschen, denen wir in der Gemeinde begegnen, nehmen Anteil an dem, was uns bewegt, sie erleben uns als Partner und als Eltern, sie freuen sich mit uns daran, wie sich die Kinder entwickeln und entfalten. Natürlich "menschelt" es auch in unserer Gemeinde, gibt es Enttäuschungen, unerfüllte Erwartungen und Vertröstungen, aber das gehört dazu. Ich schätze die Offenheit und Aufgeschlossenheit der Gemeinde, in der Ökumene und beim Feiern der Eucharistie/des Abendmahls ebenso wie beim diakonischen Engagement.
Jede christliche Gemeinde setzt sich aus einzelnen Personen zusammen, von
denen jede und jeder, wenn man sie näher betrachtet, in der einen oder anderen
Weise zu einer Minderheit gehören. So fühle ich mich, um das Bild aufzugreifen,
das Paulus verwendet, wirklich als Glied am Leib Christi, in meiner Besonderheit,
Unverwechselbarkeit und Einzigartigkeit als schwuler verpartnerter Pflegevater.
(… und um die offen bleibende Frage, ob ich nun zu den anständigen oder zu den
weniger edlen Gliedern des Leibes gehöre (1. Kor. 12,23f.), kümmere ich mich
einfach nicht
– wichtig ist, dass jedes einzelne Glied am Leib gebraucht wird.)
Ulrich Schürrer
(Mitglied der alt-katholischen Gemeinde Stuttgart)