Umgang mit Bibeltexten

Im folgenden Text geht es um die immer wieder gestellte Frage, wie es denn mit den Texten der Bibel steht, in denen homosexuelle Handlungen negativ beurteilt werden. Der Text „Homosexualität und Bibel” ist eine Übersetzung des englischsprachigen Originals „Homosexuality and the Bible” , das an verschiedenen Stellen im Web zu finden ist. (Übersetzung: Ludwig Rummelsberger, geringfügig überarbeitet von Reinhold Weicker).

Der Autor Walter Wink war zunächst Gemeindepfarrer, er ist emeritiertert Professor für Bibelauslegung („Biblical Interpretation”) am Auburn Theological Seminary in New York City.

Wiedergabe des Textes mit Genehmigung des Autors und des Übersetzers.

Homosexualität und die Bibel

Von Prof. Walter Wink, New York City, USA

Streitfragen über Sexualität reißen unsere Kirchen heutzutage auseinander wie niemals zuvor. Der Streit um Homosexualität zerbricht ganze Kirchen, so wie es der Streit um die Sklaverei vor hundertfünfzig Jahren tat. Selbstverständlich wenden wir uns an die Bibel um Rat zu suchen und finden uns wieder im interpretativen Treibsand. Ist die Bibel überhaupt fähig, unserer Verwirrung abzuhelfen?

Die Debatte um Homosexualität ist ein bemerkenswertes Geschehen, denn sie weist auf besonders dringliche Weise auf unsere Art, die Bibel zu interpretieren, hin – nicht nur in diesem Fall, sondern in vielen anderen Fällen gleichermaßen. In Wahrheit geht es hier nicht nur um Homosexualität, sondern darum, wie die Schrift unser Leben heute belehrt.

Einige Passagen, die als auf Homosexualität bezogen in den Vordergrund gerieten, sind in Wirklichkeit jedoch irrelevant. Eine davon ist die versuchte Gruppenvergewaltigung in Sodom (Gen. 19,1–29). Es handelt sich um einen Fall von anscheinend heterosexuellen Männern, die Fremde erniedrigen wollten, indem sie diese „wie Frauen” behandelten, sie sozusagen „demaskulinisieren” wollten. Ihr brutales Verhalten hat nichts zu tun mit der Frage, ob aufrichtige Liebe, die zwischen zwei Erwachsenen einvernehmlich ausgedrückt wird, unter Menschen gleichen Geschlechts legitim ist oder nicht. Desgleichen muss Deut. 23,17–18 von der Liste gestrichen werden, denn sie bezieht sich auf einen heterosexuellen Prostituierten, der in kanaanitische Fruchtbarkeitsriten involviert war, die die jüdische Religionspraxis infiltriert hatten; die King-James-Version (die traditonelle englischsprachige Übersetzung der Bibel. RW) etikettiert ihn fälschlicherweise als „Sodomit”.

Verschiedene andere Texte sind zweifelhaft. Es ist nicht klar, ob 1. Kor. 6,9 und 1. Tim. 1,10 sich auf die „passiven” und „aktiven” Partner in homosexuellen Beziehungen beziehen oder auf homosexuelle und heterosexuelle männliche Prostituierte. Kurz, es ist unklar ob die Frage Homosexualität allein ist oder Promiskuität und „käuflicher Sex”.

Unzweideutige Verurteilungen

Wenn wir all diese Texte beiseite lassen, bleiben uns drei Stellen, die eindeutig das homosexuelle Verhalten verurteilen. Lev. 18,22 statuiert das Prinzip: „Du (männlich) sollst nicht mit einem Mann als wie mit einer Frau liegen; das ist ein Gräuel” (New Revised Standard Version). Die zweite Stelle (Lev. 20,13) ergänzt die Strafe: „Wenn ein Mann mit einem Mann liegt als wie mit einer Frau, haben beide einen Gräuel begangen, sie sollen getötet werden, ihr Blut lastet auf ihnen.”

Ein solcher Akt wurde als „Gräuel” bezeichnet aus verschiedenen Gründen. Das vorwissenschaftliche Verständnis der Hebräer war, dass männlicher Samen das Ganze des werdenden Lebens beinhalte. Ohne Wissen über Eizellen und Eisprung wurde angenommen, dass die Frau nur den Raum für die Entwicklung der Frucht zur Verfügung stellte. Daher war die Verschwendung von Samen zu jedem Zweck, der nicht der Fortpflanzung diente, gleichbedeutend mit Abtreibung oder Mord, etwa beim Coitus interruptus (Gen. 38,1–11), bei männlichen homosexuellen Akten oder männlicher Masturbation. Weibliche homosexuelle Akte waren konsequenterweise nicht als so ernst betrachtet und sind im Alten Testament überhaupt nicht erwähnt (vgl. hierzu Röm. 1,26). Man kann sich vorstellen, wie ein Stamm, der ein Land bevölkern wollte, in welchem er zahlenmäßig unterlegen war, der Fortpflanzung einen hohen Stellenwert einräumte. Solch ein Stellenwert scheint jedoch fraglich zu sein in einer Welt, die unkontrollierter Überbevölkerung gegenübersteht.

Hinzu kommt, dass ein Mann der sexuell wie eine Frau agierte, die männliche Würde beschädigte. Es war eine Herabsetzung, nicht nur für ihn selbst sondern auch für jeden anderen Mann. In der Ausformulierung des Verbotes der Homosexualität zeigt der Patriarchalismus der hebräischen Kultur seine Handschrift, denn keine ähnliche Regel wurde geschaffen, um homosexuelles Verhalten zwischen Frauen zu verbieten. Und der Abscheu, der vor Homosexualität empfunden wurde, beruhte nicht nur darauf, dass sie als unnatürlich betrachtet wurde sondern auch als un-jüdisch, da sie einen Einfall der heidnischen Zivilisation in das jüdische Leben darstellte. Am wichtigsten ist jedoch, dass man die generelle Ablehnung sieht, die Heterosexuelle zu empfinden scheinen, wenn sie Handlungen und Orientierungen begegnen, die anders sind als sie selbst. (Linkshändigkeit hat in vielen Kulturen in etwa dieselben Reaktionen hervorgerufen.)

Was immer die Gründe für die Formulierung waren, die Texte lassen keinen Spielraum zum Manövrieren. Personen, die homosexuelle Akte begehen, müssen hingerichtet werden. Das ist das unzweideutige Gebot der Schrift. Die Bedeutung ist klar: Jeder, der seinen Glauben auf das Zeugnis des Alten Testaments stellen will, muss vollständig damit übereinstimmen und die Todesstrafe für jeden verlangen, der sich homosexuell verhält. (Das mag ein extremer Standpunkt sein, aber gegenwärtig gibt es Christen, die das verlangen.) Es ist allerdings unwahrscheinlich, dass ein amerikanisches Gericht jemals einen Homosexuellen deshalb zum Tod verurteilt, wenn es auch die Schrift klar gebietet.

Die Texte des Alten Testaments müssen gegen die des Neuen Testaments abgewogen werden. Konsequenterweise muss im Zentrum jeder Diskussion die unzweideutige Verdammung homosexuellen Verhaltens durch Paulus in Röm. 1,26–27 stehen.

„Aus diesem Grund übergab Gott sie ihren entehrenden Leidenschaften. Ihre Frauen vertauschten den natürlichen Verkehr mit dem unnatürlichen, und in gleicher Weise die Männer, sie gaben den natürlichen Verkehr mit Frauen auf und entbrannten in Leidenschaft füreinander. Männer begingen schamlose Akte mit Männern und empfingen an sich selbst die Strafe für ihren Irrtum.”

Ohne Zweifel war sich Paulus nicht klar über den Unterschied zwischen sexueller Orientierung (bei der man offensichtlich wenig Wahl hat) und sexuellem Verhalten (bei dem man die Wahl hat). Er schien zu vermuten, dass die, die er verurteilte, Heterosexuelle waren, die gegen die Natur handelten, weil sie ihre gewöhnliche sexuelle Orientierung „verließen”, „vertauschten” oder „aufgaben” zugunsten von etwas, das ihnen eigentlich fremd war. Paulus wusste nichts vom modernen psychosexuellen Verständnis, das Homosexuelle als Personen betrachtet, deren Orientierung früh im Leben fixiert wird oder manchmal auch genetisch bedingt sein kann. Für solche Menschen würden heterosexuelle Beziehungen gegen die Natur sein – sie „verließen”, „gäben auf” oder „vertauschten” ihre natürliche sexuelle Orientierung mit einer, die ihnen fremd ist.

Anders ausgedrückt, dachte Paulus wirklich, dass die, deren Verhalten er verdammte, „Heteros” wären und sie sich auf eine für sie unnatürliche Weise verhielten. Paulus glaubte, dass jeder „hetero” sei. Er hatte keine Vorstellung von homosexueller Orientierung. Diesen Gedanken gab es in seiner Welt einfach nicht. Es gibt Menschen, die von Natur aus homosexuell sind (ob genetisch bedingt oder als Resultat der Erziehung weiß niemand und es ist nicht von Belang). Für einen solchen Menschen hieße es gegen die Natur zu handeln, wenn er sexuelle Beziehungen mit einer Person des anderen Geschlechts haben sollte.

Auch sind die Beziehungen, die Paulus beschreibt, voller Begierde; es handelt sich nicht um einvernehmliche Beziehungen zwischen Erwachsenen, die sich genauso treu und integer aneinander binden wie irgendein heterosexuelles Paar. Das war etwas, das Paulus sich einfach nicht vorstellen konnte. Manche Leute vermuten heute, dass Geschlechtskrankheiten und AIDS göttliche Bestrafung für homosexuelles Verhalten seien. Wir wissen, dass dieses Risiko in jeder Art Promiskuität steckt, homo- und heterosexuell. Tatsache ist, dass weltweit die weitaus überwiegende Mehrheit der Menschen mit AIDS Heterosexuelle sind. Wir können AIDS kaum als göttliche Strafe ansehen, denn nicht-promiskuitive Lesben haben das geringste Risiko.

Paulus glaubte, dass homosexuelles Verhalten gegen die Natur ist, während wir gelernt haben, dass sie von einer weiten Bandbreite von Arten gezeigt wird, besonders (aber nicht allein) unter dem Druck von Überpopulation. So scheint es sich dabei um einen ziemlich natürlichen Mechanismus zur Bewahrung der Art zu handeln. Wir können natürlich nicht allein auf der Basis tierischen Verhaltens oder menschlicher Wissenschaft über menschliche Ethik entscheiden. Paulus argumentiert hier jedoch auf der Basis der Natur, wie er selbst sagt, und neue Erkenntnisse über das, was „natürlich” ist, sind deshalb für diesen Fall relevant.

Hebräische Sexualmoral

Nichtsdestotrotz nimmt die Bibel ganz klar einen negativen Standpunkt gegenüber homosexueller Aktivität ein, jedenfalls in den wenigen Stellen, wo sie erwähnt wird. Aber dieser Schluss löst nicht das Problem, wie wir die Schrift heute interpretieren müssen. Denn es gibt andere sexuelle Auffassungen, Praktiken und Verbote, die in der Schrift normativ sind, die wir jedoch nicht länger als normativ akzeptieren:

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Das Problem der Autorität

All diese Fälle sind relevant für unsere Einstellung gegenüber der Autorität der Schrift. Sie sind keine kultischen Verbote zur Heiligung, die logischerweise im Christentum verdrängt wurden, wie zum Beispiel Vorschriften über das Essen von Schalentieren oder das Tragen von Kleidung, die aus zweierlei Material hergestellt wurde. Sie sind Regeln für das Sexualverhalten und fallen unter die moralischen Gebote der Schrift. Natürlich beachten wir gewisse Regeln, besonders jene aus dem Alten Testament, nicht mehr als bindend. Andere Dinge sehen wir aber als verbindlich an, eingeschlossen solche Gesetzgebung des Alten Testaments, die im Neuen Testament nicht einmal erwähnt ist. Was ist unser Selektionsprinzip hier?

Zum Beispiel, praktisch alle modernen Leser würden mit der Bibel übereinstimmend ablehnen:

Aber wir stimmen nicht überein mit der Bibel bei den meisten anderen Sexualvorschriften. Die Bibel verurteilte die folgenden Verhaltensweisen, die wir generell erlauben:

Desgleichen erlaubt die Bibel Sitten, die wir heute verurteilen:

Und während das Alte Testament die Scheidung erlaubte, verbot Jesus sie. Kurz, bei den Sexualsitten, die hier erwähnt wurden, stimmen wir mit der Bibel überein bei vier von ihnen, wir stimmen nicht überein mit sechzehn von ihnen!

Sicherlich würde heute niemand die Leviratsehe wiederbeleben wollen. Also, warum plädieren wir dafür, allein die Texte als „wasserdicht” anzusehen, die sich mit Homosexualität befassen, wenn wir uns doch völlig frei fühlen, mit der Schrift in den meisten anderen Sexualsitten nicht übereinzustimmen? Offensichtlich sind viele unserer Entscheidungen in diesen Dingen willkürlich. Die Polygamie der Mormonen wurde in unserem Land verboten, trotz des verfassungsmäßigen Schutzes der Religionsfreiheit, weil sie die Gefühle der dominierenden Mehrheit der christlichen Kultur verletzte. Trotzdem existiert kein biblisches Verbot der Polygamie.

Wenn wir darauf bestehen, uns unter das alte Gesetz zu stellen, wie Paulus uns erinnert, sind wir verpflichtet, jedes der Gebote des Gesetzes einzuhalten (Gal. 5,3). Aber wenn Christus das Ende des Gesetzes ist (Röm. 10,4), wenn wir befreit wurden davon dem Gesetz zu dienen, nicht unter dem alten geschriebenen Gesetz stehen sondern im neuen Leben des Geistes (Röm. 7,6) – dann kommen all diese biblischen Sexualsitten unter die Autorität des Geistes. Wir können dann nicht einmal das annehmen, was Paulus selbst als neues Gesetz bezeichnet. Christen behalten sich das Recht vor zu wählen und zu entscheiden, welcher Sexualmoral sie gehorchen, obwohl sie selten genau das zulassen. Diese Wahrheit gilt für Evangelikale und Fundamentalisten genauso wie für Liberale und „Mainliners”.

Urteilt für euch selbst

Der Haken an der Sache, so scheint mir, ist einfach der, dass die Bibel keine Sexualethik hat. Es gibt keine biblische Sexualethik. Stattdessen zeigt sie eine Breite von sexuellen Sitten; manche von ihnen veränderten sich über die tausendjährige Spanne der biblischen Geschichte. Sitten sind unreflektierte Gewohnheiten, die von einer Gesellschaft akzeptiert werden. Viele Praktiken, welche die Bibel erlaubt, verbieten wir und viele, die sie verbietet, erlauben wir. Die Bibel kennt nur eine Liebesethik, die sich beständig zeigen muss, was immer die dominierenden Sexualsitten in einem Land, einer Kultur oder einer Periode sind.

Die Idee einer „Sexualethik” spiegelt den Materialismus und die Gespaltenheit des modernen Lebens wider, in der wir mehr und mehr unsere sexuelle Identität definieren. Sexualität kann nicht vom Rest des Lebens getrennt werden. Kein Sexualakt ist „ethisch” in oder von sich selbst, ohne den Rest des Lebens einer Person zu berücksichtigen, die kulturellen Muster, die besonderen Umstände des Augenblicks und den Willen Gottes. Was wir haben, sind einfach sexuelle Sitten, die sich verändern, manchmal mit erschreckender Geschwindigkeit, und dabei irremachenden Zwiespalt verursachen. In nur einer Generation haben wir erlebt, wie sich das Ideal der Bewahrung der Jungfräulichkeit bis zur Ehe veränderte, bis hin zu Paaren, die einige Jahre zusammen leben bis sie heiraten. Die Reaktion vieler Christen ist einfach nur zu lang für die Heucheleien einer früheren Ära.

Ich stimme zu, dass Regeln und Normen nötig sind; das ist, was Sexualsitten sind. Aber Regeln und Normen tendieren dazu, sich in den Dienst des herrschenden Systems nehmen zu lassen und eher als eine Form der Massenkontrolle zu dienen als die Fülle des menschlichen Potentials zu steigern. Deshalb müssen wir die sexuellen Sitten jeder Zeit und jeden Klimas der Kritik unterwerfen – durch die Liebesethik, die von Jesus vorgelebt wurde. Es ist nicht schwer eine solche Liebesethik zu definieren. Sie ist nicht-ausbeutend (das bedeutet: keine Ausbeutung von Kindern, keinen „Gebrauch” von anderen zu deren Schaden), sie dominiert nicht (das heißt: keine patriarchale Behandlung von Frauen als Besitz), sie ist verantwortlich, gegenseitig, sorgend und liebend. Augustinus fasste dies in seinem inspirierten Satz zusammen: „Liebe Gott, und tu was du willst.”

Unsere moralische Aufgabe ist, die Liebesethik Jesu anzuwenden auf das, was in einer Gesellschaft vorherrschende Sexualmoral ist. Das bedeutet nicht, dass „alles geht”. Es bedeutet, dass alles unter der Kritik von Jesu Liebesgebot gesehen werden muss. Wir könnten mit Teenagern reden, nicht indem wir sie Gesetze und Gebote lehren, deren Verletzung eine Sünde ist, sondern indem wir ihnen die traurigen Erfahrungen so vieler unserer eigenen Kinder zeigen, die viel zu früh mit sexueller Intimität überfrachtet wurden und nun mit freiwilliger Enthaltsamkeit reagieren und sogar jede Verabredung ablehnen, bei der sie sich verlieben könnten. Wir können Gründe anbieten, nicht leere und unerzwingbare Befehle. Wir können Schwule und Heteros herausfordern, ihr Verhalten im Licht der Liebe zu befragen und nach dem Bedürfnis nach Treue, Aufrichtigkeit, Verantwortlichkeit sowie echtem Interesse am Besten für den anderen und die Gesellschaft als Ganzes.

Christliche Moral, alles in allem, ist kein eiserner Keuschheitsgürtel um Wünsche zu unterdrücken, sondern ein Weg, die Integrität unserer Beziehung mit Gott auszudrücken. Es ist der Versuch eine Lebensart zu entdecken, die übereinstimmt mit dem Dasein, zu dem Gott uns geschaffen hat. Für gleichgeschlechtlich Orientierte, ebenso wie für Heterosexuelle, bedeutet „moralisch sein” die Ablehnung derjenigen Sitten, die ihre eigene Integrität und die anderer verletzen, und zu versuchen, die Bedeutung eines Lebens mit der Liebesethik Jesu zu entdecken.

Morton Kelsey geht so weit zu argumentieren, dass homosexuelle Orientierung nichts mit Moral zu tun habe, so wenig wie Linkshändigkeit. Es ist einfach nur die Art wie jemand sexuell konfiguriert ist. Moral kommt erst auf den Plan, wenn diese Prädisposition lebendig wird. Wenn wir sie als Gottesgabe für die ansehen, für die sie normal ist, können wir den Hass und die Brutalität überwinden, die so oft das unchristliche Verhalten von Christen gegen Schwule gekennzeichnet hat.

Wenn man sich mehr vom Standpunkt der Liebe aus annähert als vom Standpunkt des Gesetzes, verändert sich die Streitfrage mit einem Mal. Nun ist die Frage nicht mehr „was ist erlaubt?”, sondern „was bedeutet es, meinen homosexuellen Nächsten zu lieben?”. Wenn man sich vom Standpunkt des Glaubens annähert und nicht von dem der Werke, verliert die Frage an Bedeutung „was verursacht einen Bruch des göttlichen Gesetzes im Sexualbereich?” und wird zu „was schafft Integrität vor Gott, enthüllt im kosmischen Liebenden, Jesus Christus?”. Vom Standpunkt des Geistes aus betrachtet statt dem des Buchstabens wird die Frage „was gebietet die Schrift?” zu „was ist das Wort, das der Geist zu den Kirchen heute spricht, im Licht der Schrift, Tradition, Theologie und auch Psychologie, Genetik, Anthropologie und Biologie?”. Wir können nicht weiterhin Ethik auf das Fundament schlechter Wissenschaft stellen.

In einem wenig bekannten Satz sagte Jesus: „Warum richtet ihr nicht für euch selbst, was richtig ist?” (Lk. 12,57). Solche souveräne Freiheit verursacht Schrecken in den Herzen vieler Christen; sie würden lieber unter dem Gesetz stehen und gesagt bekommen, war richtig ist. Doch Paulus selbst gibt ein Echo von Jesus' Ausspruch wieder, wenn er sagt: „Wisst ihr nicht, dass wir über die Engel richten werden? Also erst recht über Alltägliches!” (1. Kor. 6,3). Das letzte was Paulus wollte ist, dass Menschen auf seinen ethischen Rat reagieren, indem sie ihn als neues Gesetz auf Steintafeln schreiben. Er selbst versuchte „für sich selbst zu richten, was richtig ist.” Wenn heute neue Beweise bezüglich des Phänomens der Homosexualität gibt, sind wir nicht verpflichtet – nein, frei! – die ganze Frage neu zu beurteilen im Licht aller verfügbaren Daten und dann zu entscheiden was richtig ist, vor Gott, für uns selbst? Ist das nicht die radikale Freiheit zum Gehorsam, in die uns das Evangelium hineinstellt?

Wo die Bibel homosexuelles Verhalten erwähnt, verdammt sie es. Das billige ich. Der Streit geht darum, ob das biblische Urteil korrekt ist. Die Bibel sanktionierte Sklaverei genau so und niemand attackierte sie als ungerecht. Sind wir heutzutage bereit, für die Sklaverei als biblisch gerechtfertigt zu argumentieren? Vor einhundertfünfzig Jahren, als die Debatte um die Sklaverei tobte, schien die Bibel ganz klar auf der Seite der Sklavenhalter zu sein. Die Abolitionisten (die Gegner der Sklaverei in den USA) standen unter großem Druck, ihre Opposition gegen die Sklaverei biblisch zu begründen. Heute, wenn man Christen im Süden fragen würde, ob die Bibel Sklaverei rechtfertigt, würde praktisch jeder zustimmen, daß sie es nicht tut. Wie gehen wir um mit einer solchen monumentalen Veränderung?

Was geschah, ist, dass die Kirchen zu guter Letzt dazu gebracht wurden durch den gesetzlichen Gehalt der Bibel durchzudringen zu einem tieferen Gehalt, der von Israel artikuliert wurde aus der Erfahrung des Exodus heraus und durch die Propheten und der sich sublim verkörperte in der Identifikation Jesu mit Gesetzlosen, Steuereinnehmern, Kranken, Verfolgten und Armen. Gott ist mit den Machtlosen. Gott befreit die Bedrückten. Gott leidet mit den Leidenden und sehnt sich nach der Versöhnung aller Dinge. Im Licht dieses übernatürlichen Mitgefühls ist der Imperativ des Evangeliums zu lieben, zu sorgen und mitzuleiden, unmissverständlich klar – was immer unsere Position gegenüber Schwulen ist.

Auf gleiche Weise machen uns die Frauen Druck, den Sexismus und Patriarchalismus der Bibel anzuerkennen, der so viele Frauen aus der Kirche getrieben hat. Die Lösung ist, nicht den Sexismus in der Schrift einfach zu leugnen, sondern eine interpretative Theorie zu entwickeln, die auch die Schrift im Licht der Erlösung durch Jesus beurteilt. Was Jesus uns gibt, ist eine Kritik von Unterdrückung in allen ihren Formen, eine Kritik, die auch auf die Bibel selbst angewandt werden kann. Die Bibel enthält ja die Prinzipien ihrer eigenen Korrektur. Wir sind befreit von Bibliolatrie, der Anbetung der Bibel. Sie ist wiederhergestellt an ihrem angemessenen Platz als Zeuge des Wortes Gottes. Und dieses Wort ist eine Person, kein Buch.

Mit diesem interpretativen Netz, bereitet von einer Kritik der Unterdrückung, sind wir fähig, Sexismus, Patriarchalismus, Gewalt und Homophobie herauszufiltern, die sehr wohl ein Teil der Bibel sind. Dadurch wird sie selbst wiederum befreit, um auf neue Weisen wiederzuspiegeln, wie Gottes Gebot in unserer Zeit, frei von Unterdrückung, anbricht.

Ein Aufruf zur Toleranz

Was mich am meisten traurig macht in diesem rauen Streit in den Kirchen, ist, wie weit das meiste davon weit unter christlichem Niveau liegt. Es ist charakteristisch für unsere Zeit, dass Streitfragen von großer Schwierigkeit, die den höchsten Grad an Feindschaft verursachen, Fragen sind, bei denen die Bibel als unterstützend für beide Seiten interpretiert werden kann. Ich meine Abtreibung und Homosexualität.

Bevor wir uns gegenseitig an die Hälse springen, sollten wir demütig unsere Begrenzungen erkennen. Wie weiß ich, dass ich Gottes Wort korrekt für uns heute interpretiere? Wie weißt du es? Wäre es nicht weiser für Christen, die Dezibel um 95 % herunterzufahren und in aller Stille unsere Überzeugungen darzustellen, im vollen Bewusstsein, dass wir möglicherweise falsch liegen?

Ich kenne ein Paar, beide wohlbekannte und anerkannte christliche Autoren, die beide über die Frage der Homosexualität gesprochen haben. Sie unterstützt Schwule, leidenschaftlich – er ist gegen deren Verhalten, strikt. So weit ich weiß, genießen beide noch immer die Gesellschaft des anderen, sie essen am gleichen Tisch und schlafen, so weit ich weiß, im gleichen Bett.

Wir in der Kirche müssen unsere Prioritäten ordnen. Wir haben noch keinen Konsens erreicht, wer recht hat in Bezug auf Homosexualität. Aber es ist klar, sehr klar, dass uns geboten ist, einander zu lieben. Zu lieben – nicht nur unsere schwulen Schwestern und Brüder, die oft neben uns sitzen, unerkannt, in der Kirche, sondern alle, die in diese Diskussion involviert sind. Es geht um Fragen, bei denen wir liebevoll übereinstimmen sollten, eben nicht übereinzustimmen. Wir müssen nicht ganze Kirchen in Stücke hauen, um unsere Unterschiede in diesem Punkt öffentlich zu machen. Wenn das Paar, das ich erwähnte, sich nach wie vor über diese Differenzen hinweg in die Arme nehmen kann, dann können wir das sicherlich auch.

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