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Jugendseelsorgekonferenz,
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[Letzte Aktualisierung: 13.04.2002 ] |
Im September 1999 gab die Jugendkommission der Deutschen Bischofskonferenz der römisch-katholischen Kirche (Vorsitzender: Bischof Bode, Osnbrück) ein Dokument heraus: Brief an die Verantwortlichen in der kirchlichen Jugendarbeit zu einigen Fragen der Sexualität und der Sexualpädagogik. Dieser Text ist bei uns als Web-Seite (auszugsweise: Teil zur Homosexualität) und als PDF-Datei vorhanden.
Hier geben wir einen offenen Brief wieder, den die Jugendseelsorgekonferenz im Erzbistum Berlin als Antwort an die Jugendkommission der Deutschen Bischofskonferenz geschrieben hat. Er zeigt, dass man an der kirchlichen Basis durchaus eine etwas andere Sichtweise hat, gerade beim Thema Homosexualität.
Der hier wiedergegebene Text ist eine wörtliche Kopie des auch online (auf den Web-Seiten des BDKJ Berlin) erhältlichen Briefes.
im Rahmen der Jugendseelsorgekonferenz haben wir uns im Januar 2000 mit Ihrem Brief zu Fragen der Sexualität und Sexualpädagogik in der Jugendarbeit beschäftigt. Die Jugendseelsorgekonferenz ist ein Gremium, das sich aus haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in der Jugendar-beit des Erzbistums Berlin zusammensetzt.
Wir begrüßen die Initiative der Jugendkommission und bewerten sie als Anstoß zur Reflexion der eigenen Arbeit. Und wir sehen darin den Wunsch, sich mit uns auseinanderzusetzen und von unseren Erfahrungen zu hören. Gerne sind wir zu einer Einschätzung bereit.
Uns fällt zunächst auf, daß der Begriff „Sexualität" im Brief nicht differenziert genug gebraucht wird. Sexualität ist mehr als „genitale Sexualität", und sie wird nicht erst in einer Partnerschaft erlebt. Sie spielt eine wesentliche Rolle im Erleben der eigenen Entwicklung und der Selbstannahme.
Zudem ist die Entwicklung und das eigene Erleben der Sexualität ein andauernder Prozeß, der im Mut-terleib beginnt und bis zum Tod andauert. Sie ist nicht – wie im Brief erwähnt – nur im Jugendalter bzw. nur vor der Ehe ein zentrales Thema.
Wir können bestätigen, daß
die Distanz zwischen sexueller Reife und erwachsener Selbständigkeit
größer geworden ist. Auch deshalb entschließt sich der
überwiegende Teil der jungen Erwachsenen dafür, die volle geschlechtliche
Gemeinschaft bereits vor der Ehe einzugehen. Das heißt also, daß
sich eine große Zahl aktiver und interessierter junger Christen über
einen längeren Zeitraum im offenen Widerspruch zu den Positionen des
kirchlichen Lehramtes befindet.
Nach kirchlicher Gesetzgebung dürfen
sie nicht mehr am vollen sakramentalen Leben der Kirche teilnehmen. Die
„wilde Ehe" wird aber faktisch in vielen Gemeinden geduldet und ist dort
kein Ärgernis mehr. Da, wo ihr Verhalten nicht akzeptiert wird, ziehen
sich Jugendliche und junge Erwachsene zurück. Sie verstehen die kirchliche
Lehrmeinung nicht und fühlen sich nicht erwünscht. Dieser stillschweigende
Auszug einer ganzen Altersgruppe junger Menschen verdunkelt nach unserer
Meinung die Botschaft des Evangeliums mehr, als die offene gemeinsame Suche
nach einer Lösung des Problems, so spannungsreich dies sein mag. Auch
hilft es nicht, das Problem einfach abzuwerten und in der gemeindlichen
Praxis so zu tun, als gäbe es die kirchliche Lehrmeinung nicht.
Eine Lösung wäre es zum Beispiel, die katholische Ehelehre mehr unter dem Gesichtspunkt des Prozesses der Entwicklung einer Beziehung zu einer vollständigen und umfassenden Lebensgemeinschaft zu interpretieren, die dann im Ehesakrament eine endgültige Gestalt fände. Hier wünschen wir uns ein deutliches, theologisches Verständnismodell in dem sich Ihre Worte wiederfinden, daß „die Entfaltung der Sexualität im Leben junger Menschen als Prozess wachsender Reife zu verstehen" ist.
Sie ermutigen uns in Ihrem Brief, junge Menschen zu begleiten und ihnen die kirchliche Sichtweise verständlich zu machen, ohne sie rigoros mit objektiven moralischen Normen zu konfrontieren. Das setzt aber nach unserer Meinung die ausdrückliche Einladung zur vollen kirchlichen Gemeinschaft voraus. Hier wird ein weiterer Widerspruch unserer Arbeit sichtbar, den wir klären möchten.
Sie laden in Ihrem Brief ein, in der Jugendseelsorge mutig alternative Wege der Sexualpädagogik zu gehen, die sich auf das christliche Menschenbild gründen. Wir begrüßen diesen Ansatz, wünschen uns aber auch, daß nicht nur weltanschauliche, sondern auch wissenschaftliche Erkenntnisse genügend berücksichtigt werden. Speziell in Absatz 5.5 sehen wir dies nicht gegeben. Wir haben den Eindruck, daß hier lediglich die jahrhundertealte kirchliche Praxis im Umgang mit Homosexuellen zitiert wird - ohne Beachtung des aktuellen Wissensstandes bezüglich der Homosexualität. Johannes Paul II. selbst hat aber die Theologen aufgerufen, „sich regelmäßig über die neuen wissenschaftlichen Erkenntnisse auf dem Laufenden zu halten, um, falls notwendig, zu prüfen, ob sie sie in ihren Überlegungen oder in der Überarbeitung ihrer Lehre berücksichtigen müssen." Er beruft sich dabei auch auf die These Thomas von Aquins, daß sich „der Irrtum über die Geschöpfe ... in einem falschen Wissen über Gott" niederschlage und den Geist des Menschen von Gott wegführe.
In der humanwissenschaftlichen Forschung
ist unumstritten, daß eine homo- oder heterosexuelle Veranlagung
nicht wählbar ist. Sie ist vielmehr grundgelegt in erblichen
Anlagen und prägenden Erfahrungen bis zum dritten Lebensjahr, wird
in der Jugend bestärkt und gehört unumstößlich zur
Person. „Therapien, die eine Veränderung der sexuellen Orientierung
zum Ziel haben, sind deshalb nicht nur unmöglich, sondern geradezu
antitherapeutisch und inhuman, da sie die Klienten nicht zur Selbstfindung
führen, sondern zu einer Verleugnung und einem Vorbeileben an ihrer
wahren Identität."
Wir begrüßen, daß die
Jugendkommission diese Erkenntnisse berücksichtigt und auffordert,
homosexuelle Jugendliche deshalb nicht zu diskriminieren.
Wir halten aber das Verbot, praktizierte Homosexualität in der kirchlichen Jugendarbeit als wählbare Alternative darzustellen, für ethisch nicht zu verantworten. Weil die sexuelle Orientierung nicht frei wählbar ist, kann man einem gleichgeschlechtlich liebenden jungen Menschen den Verzicht auf Ausübung seiner Sexualität nicht zumuten, nur weil aus einer solchen Liebe kein neues Leben entstehen kann. Aber auch wenn Homosexualität nur zum Teil angeboren sein sollte, so hat Gott doch zugelassen, daß sie sich durch eine Vielzahl an Faktoren in diesem Menschen in frühester Kindheit ausgeprägt hat.
Wir glauben, daß der homosexueller Mensch ein geliebtes Geschöpf Gottes ist. Er hat eine Würde, zu der auch gehört, daß er seine Sexualität in Partnerschaft leben darf, um ein glückliches Leben zu führen. „Sexualität dient hinsichtlich ihrer finalen Struktur nicht allein der Fortpflanzung, sondern ist zugleich wesentlich in ihrer Eigenwertigkeit als Ausdrucksform der Hingabe und als bindungsverstärkender Faktor einer sich in Fürsorge und Bergung aufbauenden Partnerschaft zu sehen."
Kirchliche Jugendseelsorge soll nach unserer Meinung auch homosexuellen Jugendlichen helfen, sich als geliebte Geschöpfe Gottes zu begreifen, ihre unabänderliche sexuelle Orientierung zu akzeptieren und zu integrieren. Wir wollen Jugendliche auf ihrem Weg zu einem glücklichen, authentischen Leben begleiten. Viele von uns sind in einem Gewissens- und Loyalitätskonflikt, wenn dies bedeutet, Jugendliche vom Aufbau einer verbindlichen gleichgeschlechtlichen Partnerschaft abzuraten, obwohl gerade dies für einige eine gelungene Integration ihrer Sexualität bedeuten würde.
Außerdem ist es nach unserer Erfahrung nicht möglich, einerseits homosexuelle Jugendliche nicht zu diskriminieren bzw. vor Diskriminierung zu schützen und andererseits praktizierte Homosexualität zu verurteilen. Bei den Betroffenen bleibt der Eindruck zurück, nicht bedingungslos geliebt zu sein und in der Kirche letztlich nur eine Heimat zu haben, wenn sie auf einen wesentlichen Teil ihres Lebens verzichten müssen. Dies können wir auch aus pastoralen Gründen nicht vertreten, da die Kirche Heilsgemeinschaft für alle Menschen sein will.
Wir erleben, daß Jugendliche genau beobachten, wie wir unser Leben gestalten. Sie beobachten, wie wir versuchen, als Christen zu leben, setzen sich damit auseinander und sammeln daraus Anregungen und Ideen für ihr eigenes Leben. Wir werden angefragt und versuchen, unsere persönliche Erfahrung zur Verfügung zu stellen. Unstimmigkeiten in Verkündigung und eigener Lebenspraxis bleiben Jugendlichen nicht verborgen, und sie sind dankbar, wenn wir sie an unserem eigenen Ringen um eine christliche Lebenspraxis teilnehmen lassen.
Um als Begleiter und Vertraute angenommen zu werden, muß unser Leben authentisch sein. Eine reflektierte, verantwortete Sexualität gehört nach unserer Meinung dazu, wenngleich wir wissen, daß auch dieser Prozeß nie abgeschlossen ist.
Wir wünschen uns deshalb auch von der Kirche Hilfe bei
Um dies zu gewährleisten, sollten im Rahmen der verschiedenen Ausbildungsgänge (Priester, Diakone, Pastoral- und Gemeindereferenten, Katecheten etc.) Veranstaltungen angeboten werden, in denen die zukünftigen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Jugendpastoral zur eigenen Auseinandersetzung mit dem Thema sensibilisiert, ermutigt und fachkompetent begleitet werden.
Allerdings ist dafür ein entsprechendes „Klima" notwendig (und dies nicht nur bei Fortbildungen). Wir wünschen uns, über das Thema „Sexualität" authentisch erzählen zu können, ohne berufliche Konsequenzen befürchten zu müssen.
Denn in unserer Praxis nehmen wir leider immer noch wahr, daß
Ein solcher Spagat bleibt unbefriedigt
und nimmt uns kirchlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern die Chance,
bei den Jugendlichen an Glaubwürdigkeit zu gewinnen.
Lösungen können hier nur ausbleibende
Sanktionen oder aber bestenfalls eine den Menschen gerechter werdende
Sexualmoral sein.
Wie gesagt, verstehen Jugendliche die kirchliche Lehrverkündigung zur Sexualmoral oft nicht. Wir werden von Jugendlichen dann zum Beispiel angefragt, wie kirchliche Lehramtsäußerungen entstanden sind, welche Intentionen ihnen zugrunde liegen und wie man die Weisungen praktisch leben soll. Gerade weil oft eine große Spannung besteht zwischen dem kirchlichen Lehramt und dem Leben der Jugendlichen, ist ein Grundwissen über bestimmte Entwicklungen in der (vor)christlichen Geschichte unerläßlich. Hilfreich wären für uns Bildungsangebote, zum Beispiel zu den Themen
- Sexualität im Alten und Neuen Testament,
- „Entwicklung von moraltheologischen Normen,
- und wie man verständlich und nachvollziehbar
den Zölibat, den Umgang mit vorehelichem Geschlechtsverkehr, Verhütung,
Scheidung und Wiederheirat oder Homosexualität erklären soll.
Sexualpädagogische Fortbildungen, Methodenangebote und Austauschmöglichkeiten mit einer entsprechenden Reflexionsebene gehören auf jeden Fall in die verbindliche Fortbildungspalette eines in der Jugendpastoral Tätigen. Wir brauchen eine Hilfestellung, wie wir uns in entsprechenden Situationen angemessen verhalten können.
Wir wissen um die Spannungen, die sich aus den rasanten gesellschaftlichen Veränderungen und aus dem Festhalten an christlichen Wertvorstellungen und Einsichten ergeben. Wir verstehen, daß das kirchliche Lehramt deshalb manchmal mit klaren Worten, manchmal aber auch mit sensibler Sprache auf die neuen Realitäten reagiert.
Auch wir wollen jungen Menschen Alternativen anbieten, um ihnen bei der Bildung von Grundsätzen und Anschauungen zu helfen.
Wir verstehen Ihren Brief in erster Linie als Aufforderung, mit den jungen Menschen ins Gespräch zu kommen, ihnen die Gedanken und Inhalte christlichen Denkens vorzustellen und gemeinsam nach einem Weg zu suchen. Wir wollen nicht tabuisieren, sondern das ansprechen, was viele bewegt und besonders in der Zeit des Heranwachsens von großer Bedeutung für Jugendliche zu sein scheint.
Damit dies möglich ist, bitten wir Sie, die angesprochenen Punkte noch einmal zu überdenken.
Berlin, im Januar 2000
Jugendseelsorgekonferenz im Erzbistum Berlin