Gemeindeprojekt

Farbe bekennen heißt Farbe gewinnen

 

„Farbe bekennen” – Ein Projekt für Gemeinden, kirchliche Gruppen und Verbände

Gemeindeprojekt Farbe bekennen

Farbe bekennen (PDF, 9.6 MB)

Farbe bekennen – ein schwungvolles Projekt in mehrfacher Sicht:

Am Anfang standen folgende Fragen:

Zwölf Jahre nach Gründung der Ökumenischen Arbeitsgruppe Homosexuelle und Kirche setzte in der HuK ein wichtiger Prozess des Nachdenkens ein. Es ging um die oben formulierten Fragen. Bei dieser Bestandsaufnahme, die 1989 begann, ließ sich die HuK inspirieren von der US-amerikanischen lesbisch-schwul-bi-trans-queeren Gruppe ReconcilingWorks, die schon einige Jahre zuvor das Programm Reconciling in Christ entwickelt hatte. Genau so etwas wollte die HuK in Deutschland etablieren: ein Projekt, mit dem das Thema „Homosexuelle” innerhalb der Kirche richtig große Beachtung findet – ein Schritt nach vorn.

Die ersten Gruppentreffen fanden am 18.11.1989 bei der HuK-Tagung in Hohenwart bei Pforzheim sowie vom 05. bis 07.01.1990 in Ismaning bei München statt. Die Analyse, die dabei im Mittelpunkt stand, kam zu diesen ersten Ergebnissen:

Diese Überlegungen motivierten ein Team aus mehr als zehn kreativen HuK-Mitgliedern, Frauen und Männern, sich zur „AG Gemeindeprojekt” zusammenzuschließen und knapp zwei Jahre lang die Vorarbeit für das, was als Projekt „Farbe bekennen” die Wahrnehmung des Homo-Themas in den Kirchen entscheidend geprägt hat, zu leisten. Das Projekt wurde beim Evangelischen Kirchentag 1991 im Ruhrgebiet der Öffentlichkeit vorgestellt; die AG begleitete das Projekt aktiv bis Ende 1995.

Das Projekt „Farbe bekennen” konnte in der Tat aufbauen auf ein Interesse, das bei einigen Kirchengemeinden, Gruppen und Organisationen bereits vorhanden war. Die HuK präsentierte ihnen mit dem Arbeitsheft zum Projekt eine informative und dennoch sehr authentische Sammlung von Texten. Schwerpunkte des Hefts sind die Themen Sexualität, Homosexualität, Bibel und Homosexualität, ein Plädoyer für unterschiedliche Lebensformen („Vielfalt ist Gewinn”), Erfahrungsberichte von Lesben, Schwulen und Eltern sowie Empfehlungen für das Gespräch in Gemeinden und Gruppen und Literaturvorschläge.

In mehreren Evangelischen Landeskirchen wie im Rheinland und in Berlin-Brandenburg fiel der Start des Projekts „Farbe bekennen” mit Beratungen der jeweiligen Synode zusammen. Sehr viele Anfragen nach dem Arbeitsheft kamen aus dem Rheinland.

 

Ermutigung zum Gespräch

Zu Beginn des Arbeitsheftes stellt sich die HuK vor und beschreibt einen möglichen Zeitplan für die Bearbeitung des Themas:

  1. Auseinandersetzung mit den Themen Sexualität und Homosexualität in der jeweiligen Gemeinde oder Gruppe. Es wird empfohlen, dass man sich für Information und Erfahrungsaustausch viel Zeit nimmt und am Ende darüber entscheidet, ob man sich der vorgeschlagenen Solidaritätserklärung anschließt.
  2. Die HuK bietet für diesen Diskussionsprozess Unterstützung und Kontakt an, sowohl mit Vertretern/-innen der HuK wie auch mit anderen Gemeinden oder Gruppen, die diesen Beratungsprozess schon geführt haben.
  3. Nach einiger Zeit sollte ein Netzwerk von Farbe bekennenden Gemeinden, Gruppen und Verbänden entstehen.

 

Vorschlag der HuK für eine Solidaritätserklärung

„Als christliche Gemeinde sind wir ein Leib mit vielen Gliedern. Jeder Teil hat seine besonderen Charismen, die sich in unterschiedlichen Begabungen und Lebensformen verwirklichen. Durch die Taufe gehören alle ChristInnen ungeachtet ihrer sexuellen Orientierung zum Leibe Christi.

Deshalb ist es unerträglich, wenn homosexuelle Frauen und Männer in der Gesellschaft diskriminiert, von der Kirche ausgegrenzt oder totgeschwiegen werden. Als christliche Gemeinde tragen wir Mitverantwortung für die gesellschaftlichen Bedingungen, in denen Menschen miteinander leben. Deswegen machen wir unsere Betroffenheit und Sorge für Schwule und Lesben öffentlich. Zu diesem Zweck erklären wir:

  1. Sexualität ist ein Teil der Schöpfung Gottes, die in unterschiedlichen Ausprägungen – Hetero-, Homo- und Bisexualität – existiert.
  2. In ihrer jeweiligen Ausprägung kann Sexualität in unterschiedlicher Weise gestaltet werden. Sie ist weder ausschließlich auf Fortpflanzung ausgerichtet, noch hat sie ihren legitimen Ort allein in der Ehe.
  3. Jeder Mensch, egal ob homo-, hetero- oder bisexuell, hat das Recht, seine Sexualität verantwortlich und einvernehmlich zu leben.
  4. Schwule und Lesben heißen wir als Mitglieder und ohne Einschränkung auch als MitarbeiterInnen ausdrücklich willkommen; wir laden sie ein, sich aktiv am Leben unserer Gemeinde/Gruppe/Kirche zu beteiligen.
  5. Wir setzen uns dafür ein, dass dieses Verständnis von Sexualität auch in unserer Gesamtkirche anerkannt wird.”

 

Der Schwung

Drei Monate nach dem Start von „Farbe bekennen” war die erste Auflage (500 Exemplare) des Arbeitsheftes vergriffen. Das Heft wurde mehrfach aktualisiert; insgesamt wurden rund 5.000 Exemplare gedruckt und verkauft.

Die erste Solidaritätserklärung kam überraschend von einer katholischen Gruppe: der Fachschaft Katholische Theologie an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg. Die Fachschaft musste später einen heftigen Angriff des damaligen Domkapitulars Dr. Bernhard Uhl (später Weihbischof in Freiburg) über sich ergehen lassen. Uhl schrieb in einem Leserbrief im Konradsblatt, der Kirchenzeitung, er sei selbst früher Sprecher der Fachschaft gewesen. Im Übrigen sei die Erklärung rechtswidrig und die Fachschaft sei nicht legitimiert, eine solche Erklärung abzugeben.

Die Fachschaft Katholische Theologie wies die Vorwürfe zurück und erklärte, dass die Rechtsaufsicht über sie nicht bei einem Domkapitular, sondern beim Dekan der Theologischen Fakultät liege. Uhl solle sich nicht in die Freiheit der Universität und der akademischen Selbstverwaltung einmischen. Zudem sehe sich die Fachschaft in der Nachfolge Christi in der Pflicht, sich aufgrund von gesellschaftlicher und kirchlicher Ausgrenzung mit Lesben und Schwulen solidarisch zu erklären.

Stetig stieg die Zahl der Gemeinden und Gruppen, die eine Solidaritätserklärung im Sinn des Gemeindeprojekts abgaben (teilweise im obigen Wortlaut, teilweise mit eigenen, ähnlichen Formulierungen). Nach zweieinhalb Jahren gab es fast 30 Solidaritätserklärungen.

Mit der Präsentation des Projekts „Farbe bekennen” gelang es der Ökumenischen Arbeitsgruppe Homosexuelle und Kirche, mehr und mehr als offizielle Gesprächspartnerin anerkannt und eingeladen zu werden. Viele HuK-Gruppen vor Ort nahmen die Ermutigung auf, verstärkten bestehende Kontakte und knüpften – vorwiegend an der kirchlichen Basis – neue Kontakte.

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