Katholische Kirchen

Die Altkatholischen Kirchen

Kirche St. Peter und Paul Bern (Andreas Praefcke, Wikimedia Commons)Die Alt-Katholische Kirche Deutschlands (offiziell: „Katholisches Bistum der Alt-Katholiken in Deutschland”) ist seit 1889 mit anderen autonomen katholischen Bistümern in der Utrechter Union der Altkatholischen Kirchen vereint. Als das Erste Vatikanische Konzil 1870 die Lehren von der Unfehlbarkeit und dem Jurisdiktionsprimat des Papstes zum Dogma, also zu einer von allen anzunehmenden Glaubenswahrheit erklärte, bildete sich vor allem in den deutschsprachigen Ländern eine Protestbewegung, deren Mitglieder dies als eine unrechtmäßige und vom alten katholischen Glauben abweichende neue Lehre beurteilten. Sie riefen dazu auf, zum alten Glauben von der Gleichberechtigung aller Bischöfe zurückzukehren.

Da die Mitglieder dieser Protestbewegung von der römisch-katholischen Hierarchie exkommuniziert und so von den Sakramenten ausgeschlossen wurden, sahen sie sich gezwungen, eigene kirchliche Strukturen aufzubauen. Diese erhielten den Namen „altkatholisch” bzw. in der Schweiz „christkatholisch”, um deutlich zu machen, dass man an der alten katholischen Kirche festhalten wollte und nicht der Papst, sondern Christus das Haupt der katholischen Kirche sei. Durch die Verbindung mit der seit dem 18. Jahrhundert autonomen Kirche von Utrecht konnten ordnungsgemäße Bischofsweihen und damit die für das katholische Kirchenverständnis unerlässliche ungebrochene apostolische Sukzession gewahrt werden.

Im größten Teil Deutschlands wurde der alt-katholische Bischof 1873 als ein den römisch-katholischen Bischöfen gleichgestellter Bischof anerkannt, die Kirche hat heute deshalb wie die beiden Großkirchen in den meisten Bundesländern den Status einer Körperschaft öffentlichen Rechts. Nachdem die Zahl der Kirchenmitglieder im 20. Jahrhundert vorübergehend zurückgegangen war, steigt sie seit einigen Jahren – nicht zuletzt durch Übertritte aus der römisch-katholischen Kirche – wieder an. Die Kirche zählt heute in Deutschland etwa 15.000 Mitglieder in 55 Gemeinden, in Österreich 12.000 und in der Schweiz 13.000 Mitglieder. Die alt-katholische Kirche ist in der Ökumene sehr aktiv und Mitglied der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen.

Seit 1931 besteht Kirchengemeinschaft mit den anglikanischen Kirchen, seit 1985 besteht in Deutschland mit der evangelischen Kirche eine Vereinbarung zur gegenseitigen Einladung zum Abendmahl. In den deutschsprachigen Bistümern wurden bereits in den ersten Jahren die Aufhebung des Pflichtzölibats und die Einführung der deutschen Sprache in die Liturgie eingeführt. Seit den 1990er-Jahren können in den mitteleuropäischen Bistümern auch Frauen die Priesterweihe empfangen.

 

Lesben und Schwule in den Altkatholischen Kirchen

Aufgrund der alt-katholischen Kirchenstruktur, in der die meisten Entscheidungen nicht zentral, sondern in jedem einzelnen Land bzw. Bistum demokratisch von den jeweiligen Synoden gefällt werden, haben die verschiedenen alt-katholischen Kirchen auch zur Frage der Homosexualität und zur Segnung gleichgeschlechtlicher Lebenspartnerschaften jeweils eigene Beschlüsse gefasst. Diese unterscheiden sich in den deutschsprachigen Bistümern nur wenig voneinander.

Grundsätzlich gilt für die alt-katholische Kirche, dass es hierzu nur wenige offizielle Äußerungen gibt, wie auch in anderen Bereichen der Lebensgestaltung und der Sexualität (z. B. Empfängnisverhütung): Entscheidungen zu Fragen wie Gestaltung der Sexualität oder Familienplanung werden dem persönlichen Gewissen der einzelnen Gläubigen überlassen.

Zu einer intensiveren Beschäftigung mit Homosexualität und Partnerschaftssegnungen kam es in den 1990er-Jahren, als sich hierzu Arbeitskreise bildeten, kleine Broschüren erstellt wurden und sich einzelne Gemeinden sowie schließlich auch die Bistumssynoden mit diesen Fragen befassten. So kam es auf der deutschen Bistumssynode im Oktober 1997 zu folgender Erklärung:

„Die Synode stellt fest, dass in vielen unserer Gemeinden gleichgeschlechtlich liebende Frauen und Männer integriert sind. Die Synode bittet die Gemeinden, sich um ein Klima der Akzeptanz, der Offenheit und Toleranz gegenüber homosexuell liebenden und lebenden Menschen weiterhin zu bemühen.”

Nicht explizit genannt wurde dabei die Frage der Partnerschaftssegnungen. Doch wurden u. a. auf Grundlage dieses Synodenbeschlusses in mehreren Gemeinden problemlos Segnungen gleichgeschlechtlicher Paare durchgeführt.

Kirche St. Peter und Paul Bern (Ikiwaner, Wikimedia Commons)Konkreter wurde die österreichische Synode im selben Jahr. Diese nannte 1997 explizit die Möglichkeit eines Segens für homosexuelle Paare, die schon längere Zeit zusammenleben. Die Synode erkannte Homosexualität als „Gegebenheit der Schöpfung” an und sprach sich gegen Diskriminierung Homosexueller aus. In Österreich hatten sich bereits 1993 und 1994 die Geistlichenkonferenz und der Synodalrat ähnlich geäußert. In der jüngsten Debatte um die Einführung eines Gesetzes zu Eingetragenen Lebenspartnerschaften äußerte sich die dortige altkatholische Kirche ähnlich wie die Protestanten und anders als die römisch-katholische Kirche positiv zur Einführung eines solchen Rechtsinstituts.

Im Zusammenhang mit einer ähnlichen Debatte stimmte die Synode der christkatholischen Kirche der Schweiz nach Einsetzung einer entsprechenden Kommission 2004/05 schließlich im Jahre 2006 mit 76 Ja-Stimmen, zwei Nein-Stimmen und fünf Enthaltungen für die offizielle Einführung einer Partnerschaftssegnung. Auch die Kirchenleitung der Alt-Katholiken/-innen in den Niederlanden beschloss 2006 die Segnung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften.

In allen genannten Ländern bzw. Bistümern wurde allerdings mit dieser Einführung nicht die Besonderheit des Ehesakraments aufgehoben. So legte z. B. der frühere deutsche alt-katholische Bischof Vobbe im Jahre 2003 ein Schuldbekenntnis hinsichtlich der Verfolgung von Homosexuellen ab und äußerte sich positiv zur Segnung gleichgeschlechtlicher Paare, differenzierte in seinen Hirtenbriefen zu den sieben Sakramenten (hier: „Gott traut uns – wir trauen Gott” von 2003) aber wie der damalige Schweizer Bischof Müller, die österreichische Synode 1997 und die niederländische Kirchenleitung 2006 theologisch zwischen dem Sakrament der Ehe und der Segnung von Lebenspartnerschaften.

In Deutschland gab es 2003 Überlegungen zur Erstellung eines einheitlichen liturgischen Formulars zur Segnung gleichgeschlechtlicher Paare. Auf der Synode wurde dann beschlossen, dass die Liturgiekommission vorerst nur einzelne Entwürfe kirchlicher Partnerschaftssegnungen sammeln und dann auf Anfrage zur Verfügung stellen solle. Auf ihrer Grundlage erschien 2014 ein vom Bischof mit Zustimmung der Synodalvertretung in Kraft gesetztes Rituale zur Segnung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften. Damit wurde die Segnung de facto durch die Synode anerkannt.

Auch auf internationaler Ebene wurden diese Fragen diskutiert: Die Internationale Altkatholische Theologenkonferenz 2001 in Prag hatte als Tagungsthema „Überlegungen zum Umgang mit sich wandelnden Lebensformen”, wozu auch homosexuelle Beziehungen gerechnet und behandelt wurden. In Mitteleuropa gab es hier kaum Probleme, jedoch lehnte die Polnisch-Katholische Kirche in Amerika (die alt-katholische Kirche polnischer Emigranten in den USA) die Weihe homosexueller Priester und die Segnung gleichgeschlechtlicher Paare wie die Frauenordination ab und verließ deshalb die Gemeinschaft der alt-katholischen Kirchen. Im Vergleich zur Frage der Frauenordination und auch zur Aufhebung des Pflichtzölibats vor über 100 Jahren oder zur Homosexualitätsdebatte in anderen Kirchen wie z. B. bei den Anglikanern/-innen und Methodisten/-innen erwies sich die Diskussion um homosexuelle Geistliche und die Segnung homosexueller Paare in der alt-katholischen Kirche aber als weit weniger brisant.

Bei einer Umfrage im Rahmen einer Studie zur Religiosität der alt-katholischen Kirche in Deutschland im Jahre 2011 erklärten 85 % der etwa 1.000 Teilnehmenden, sie hätten keine oder kaum Bedenken gegen homosexuelle Geistliche, wobei sich die älteren Kirchenmitglieder noch etwas skeptischer und die jüngeren aufgeschlossener zeigten.

Heute stellt sich die Situation in den deutsprachigen Bistümern recht problem- und komplikationslos dar: In den Gemeinden fanden und finden Segnungen gleichgeschlechtlicher Paare statt, es gibt offen homosexuelle Geistliche und offen homosexuelle Laien in verschiedenen kirchlichen Gremien (z. B. Kirchenvorstände, Synoden und Kommissionen). Einzelne Gemeinden nehmen in verschiedenen Städten am CSD teil, in München gibt es einen alt-katholischen (aber ökumenisch offenen) Gesprächskreis für Lesben, Schwule und Transgender, und 2011 nahm der neue Bischof Dr. Matthias Ring am fünfjährigen Jubiläum der schwul-lesbischen „Queer-Gottesdienste” in der alt-katholischen Kirche in Karlsruhe teil.

Insgesamt lässt sich somit für die alt-katholische Kirche – vor allem im deutschsprachigen Raum – festhalten: Offen lebende Schwule und Lesben sind als Kirchenmitglieder akzeptiert, Partnerschaftssegnungen sind von der Kirchenleitung anerkannt und der Ritus ist durch ein Rituale geregelt (wobei theologisch zwischen dem Ehesakrament und der Segnung differenziert wird), Schwule und Lesben können als Geistliche und als Funktionsträger in den kirchlichen Gremien amtieren.

 

Quellen und weitere Informationen

Alt-Katholische Kirche Deutschlands

Altkatholische Kirche Österreichs

Christkatholische Kirche der Schweiz

De Oud-Katholieke Kerk van Nederland

Utrechter Union der Altkatholischen Kirchen

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