Liebesweisen

Polyamorie

Unterstützungswerte Beziehungsform oder der Untergang des Abendlandes?

Symbol für Polyamorie
Symbol für Polyamorie
(© CC BY-SA 2.0, Ratatosk,
Wikimedia Commons)

Das Getuschel in den Reihen der HuK war groß, als vor einigen Jahren ein schwules Paar aus der Mitgliederschar des Vereins nicht einfach zu zweit zur Mitgliedertagung anreiste, sondern einen dritten Mann zur Seite hatte, der – so stellte sich heraus – das Paar zum veritablen Triple erweiterte. Er war mit beiden Männern des ursprünglichen Paars zusammen, sie hatten sich tatsächlich zu einer Dreierbeziehung zusammengefunden. Manche HuK-Mitglieder zerrissen sich darüber das Maul („Na, da haben die beiden aber einen jungen Betthasen aufgerissen!”), andere schielten vielleicht auch ein wenig neidisch auf die Konstellation, die augenscheinlich als glücklich empfunden wurde und vor Erotik strotzend pure Vitalität und Lebensfreude ausstrahlte. Es entzieht sich meiner Kenntnis, wie es mit dieser Beziehung weiterging, ob sie nach wie vor Bestand hat oder längst zerbrochen ist, da ich die Beteiligten schon länger nicht mehr gesehen habe. Fest steht, dass diese Beziehungsart damals eine gewisse Sensation darstellte, von manchen negativ, von anderen positiv gesehen. Und auch heute noch dürfte eine solche Beziehungsform vielfach auf sehr unterschiedliche Reaktionen stoßen, von manchen als Verwirklichung heimlicher, vielleicht zunächst einmal nur erotischer Fantasien herbeigesehnt, von anderen als unmoralisch und gesellschaftszersetzend abgelehnt. Für die drei war es einfach nur eine Realität, in die sie vielleicht zufällig hineingeschlittert sind, die sie aber damals lebten und mit Sinn zu füllen suchten. Als sich bei der HuK-Frühjahrstagung 2014, die sich – wie auch schon die Herbsttagung 2013 – mit Familienbildern beschäftigte, eine Arbeitsgruppe mit dem Thema Polyamorie auseinandersetzte, waren solche zwiespältigen Gefühle der Sache gegenüber offen greifbar. Während manche sich möglichst vorurteilsfrei darüber verständigen wollten, um das Phänomen verstehen und einen entspannten Umgang damit erlangen zu können, äußerten andere die tiefsitzenden existenziellen Ängste, die das Thema bei ihnen auslöst.

Die HuK formuliert in der Präambel zur Vereinssatzung eine tolerante Grundhaltung und den Vorsatz, unterschiedliche Lebensformen respektieren und fördern, die Angst vor ihnen abbauen und deren Achtung stärken und einfordern zu wollen:

„Gottes Handeln in der Welt, von dem die Bibel Zeugnis gibt, erfahren wir als befreiende Botschaft. Befreite Menschen lädt Gott in eine Gemeinschaft ein, in der Gerechtigkeit herrschen soll und die Menschenwürde beachtet wird. Dieses gibt vielen Lebensformen Raum zur Entfaltung gelingenden Lebens. Wir verstehen homosexuelles und heterosexuelles Empfinden und Verhalten als gleichwertige Ausprägung der einen menschlichen Sexualität. Deshalb arbeiten wir am Abbau von Diskriminierung und fordern die volle Teilhabe von Lesben und Schwulen am kirchlichen und gesellschaftlichen Leben.”

Wenn die HuK diesem Anspruch gerecht werden will, darf sie sich nicht damit begnügen, lediglich die Akzeptanz von Homosexualität zu meinen und diese vor allem nicht nur für diejenigen Homosexuellen einzufordern, die möglichst brav der gesellschaftlich anerkannten Norm der monogamen heterosexuellen Ehe nacheifern. In der HuK gibt es, wie auch in der gesamten LGBTTQI*-Community, immer wieder die Tendenz, vermeintlich gute, weil gesellschaftlich angepasste, nicht auffällige Homosexuelle gegen vermeintlich schlechte auszuspielen, die mit ihrer laut und sichtbar zur Schau getragenen Andersartigkeit, ihren alternativen Lebensentwürfen und Beziehungsformen eine einzige Provokation darstellten und die Akzeptanz der Homosexualität damit gefährdeten. Wenn wir für Verständnis werben, wenn wir Aufklärung betreiben, Ängste abbauen wollen, dann darf dies nicht allzu schnell am eigenen Tellerrand aufhören, dann müssen wir uns selbst dazu ermahnen, unseren Ängsten zu begegnen und zu versuchen, etwas, das unserer eigenen Lebenswirklichkeit und Erfahrung widerspricht, möglichst vorurteilsfrei betrachten und verstehen zu wollen, um dann eventuell erfahren zu dürfen, dass unsere Ängste vielleicht unbegründet sein und sich unsere Blicke auf eine Vielfalt weiten könnten, die die Liebe zum Leben, zur Schöpfung, zur Liebe vermehrt.

Von Verurteilungen abkommen

In diesem Sinne setzte sich die Arbeitsgruppe bei der Frühjahrstagung also hin und diskutierte das Thema Polyamorie, denn wenn – aktuell angeregt durch die auf den gesellschaftlichen Wandel reagierende Orientierungshilfe der EKD („Zwischen Autonomie und Angewiesenheit – Familie als verlässliche Gemeinschaft stärken”) – eine HuK-Tagung über Familienbilder spricht, dann sollte es wirklich um möglichst viele verschiedene Bilder vom Begriff Familie gehen, nicht nur um dasjenige der eingetragenen Lebenspartnerschaft zweier Frauen oder Männer, die vielleicht auch Kinder in die Partnerschaft mitbringen oder innerhalb der Partnerschaft bekommen und aufziehen. Schon die Eröffnungsrunde der Herbsttagung 2013 machte auf bewegende Weise bewusst, dass der Begriff Familie für fast jede und jeden der Anwesenden etwas anderes bedeutet, dass sich höchst unterschiedliche Vorstellungen, Erfahrungen und Wünsche damit verknüpfen. Insofern war es konsequent, sich in der Polyamorie-Arbeitsgruppe einmal mit Beziehungsformen auseinanderzusetzen, die der gesellschaftlichen Norm nicht entsprechen, und den Versuch zu wagen, dazu eine Haltung zu finden, die – auch im christlichen Sinne – ethische Kriterien entwirft, unter denen man von Verurteilungen abkommen und Respekt vor alternativen Beziehungsformen aufbauen kann.

Vorhängeschloss mit drei Namen
Polyamorie?
(© CC BY-NC-SA 2.0,
NiceBastard, Flickr)

Zunächst war es nötig, sich den Sinn des Wortes Polyamorie klar zu machen, ihn von anderen Begriffen abzugrenzen, die einem vielleicht spontan im Zusammenhang mit ihm einfallen. Die erste Hilfsdefinition wurde mit der „Fähigkeit, mehr als eine Person gleichzeitig lieben zu können” aufgestellt. Doch erwies sich diese als löchrig, denn obwohl manche der Workshop-Teilnehmenden von eigenen Erfahrungen berichteten, schon in mehrere Menschen gleichzeitig verliebt gewesen zu sein oder neben einer bestehenden Beziehung sich auch gelegentlich in andere Menschen verliebt zu haben (was also die grundsätzliche individuelle Fähigkeit der Liebe zu mehreren Menschen gleichzeitig aufzeigt), so blieben diese Erlebnisse doch ganz theoretisch bei der Feststellung des bloßen Gefühls, ohne dass daraus praktisches Handeln und somit eine wirkliche Beziehungsform entstanden wäre. In einem solchen Fall hätte freilich die Notwendigkeit bestanden, sich zahlreichen Fragen zu stellen: Ist es möglich, mit mehreren Menschen gleichzeitig eine Beziehung zu führen? Was sagen die anderen dazu? Wollen dies alle Beteiligten im gleichen Maße? Sind alle gleichberechtigt? Gibt es Ungleichgewichte? Wie leben wir diese Beziehung konkret? Welche Absprachen sind nötig? Wieviel Gesprächsbereitschaft und -notwendigkeit besteht in einer solchen Konstellation? Wie reagiert unser soziales Umfeld darauf? Sicher, eine solche Beziehung wäre nicht einfach und birgt wahrscheinlich viele Gefahren von Verletzungen. Wäre sie daher von vornherein zum Scheitern verurteilt oder als schlecht oder gar böse zu verwerfen? Darauf sei weiter unten noch ausführlicher eingegangen. Zunächst einmal soll in der Begriffsbestimmung fortgefahren werden.

Abzugrenzen ist die Polyamorie unter anderem von folgenden anderen Begriffen:

„Beziehungen können gelingen oder scheitern, unabhängig von ihrer Form.”

Eine Konstellation von drei oder mehr Menschen kann sicher im emphatischen Sinne als polyamoröse Beziehung betrachtet werden, wenn sie die beteiligten Personen in freier gemeinsamer Entscheidung eingehen, wenn darin eine gewisse Gleichberechtigung untereinander, das Wahrnehmen gegenseitiger Verantwortung und eine gewisse Dauer der Beziehung angestrebt wird. Das kann bisexuelle Menschen betreffen, die Partner_innen beiderlei Geschlechts finden, welche zu einer solchen Bindung bereit sind. Das können ein lesbisches und ein schwules Paar sein, die sich zunächst zusammen tun, um den gemeinsamen Kinderwunsch zu verwirklichen (vielleicht sogar zu diesem Zweck miteinander schlafen) und dann als große Regenbogenfamilie zusammenbleiben und sich als mehr begreifen denn als zwei getrennte Paare mit gemeinsamen Kindern, sondern die in Erfüllung der gemeinsamen Verantwortung auch Liebe zueinander empfinden, selbst wenn sich diese nicht sexuell äußert. (Für die Definition einer Partnerschaft ist Sexualität auch nicht unbedingt notwendig, schließlich gibt es viele Langzeitpaare, die seit langem keinen Sex mehr haben und sich dennoch – z. B. kuschelnd – körperlich nah sind.) Das kann ein schwules oder lesbisches oder Heteropaar sein, bei dem sich aus einer Affäre, die beim Ausleben einer offenen Beziehung entstanden ist, eine Dreierkonstellation wird, wenn sich alle drei kennen- und lieben lernen und einem solchen Schritt zustimmen. Das kann ein scheinbarer Mann sein, der in einer heterosexuellen Ehe lebt, aufgrund der eigenen Transsexualität eine Geschlechtsangleichung durchlebt, sich danach (als Frau) in einen Mann verliebt, die Beziehung zur Ehefrau aber nicht aufgeben will. Vielleicht entwickelt sich daraus – sicher selten, aber doch nicht auszuschließen – eine Dreierbeziehung, vorausgesetzt, die Ehefrau und der neue Mann können und wollen den Schritt mitgehen. Wer solche Fälle für an den Haaren herbeigezogen hält, die_der weiß nicht ansatzweise, was es alles in Liebesdingen auf dieser Welt gibt!

Hochzeit zu dritt
Hochzeit zu dritt
(© CC BY-NC-ND 2.0, Angie Gaul,
Flickr)

An dieser Stelle würde ein möglicher Einwand nicht überraschen, der Zweifel daran äußert, ob solche Beziehungen überhaupt dauerhaft halten und gelingen können. Generell muss aber gesagt werden, dass keine Beziehungsform – egal ob exklusive Zweierbeziehung oder polyamoröse Beziehung – eine Garantie auf Dauerhaftigkeit beanspruchen kann. Beziehungen können gelingen oder scheitern, unabhängig von ihrer Form. Die Möglichkeit, dass eine Beziehung scheitert, stellt keinen Grund dafür dar, sie zu verdammen und ein moralisches Urteil über sie auszusprechen. Weil Beziehungen scheitern können, sind sie nicht per se schlecht oder böse, sie verlieren deshalb nicht ihr Recht darauf, gewürdigt zu werden und Unterstützung zu erfahren. Entscheidender ist, wie groß der Wille ist, innerhalb einer Beziehung füreinander Verantwortung zu übernehmen. In welchem Maße sind die Beteiligten ernsthaft bemüht, sich an gemeinsam getroffene Absprachen zu halten, wie groß ist der Wille, die Gefühle der Partner_innen nicht willentlich zu verletzen oder bei unbeabsichtigt zugefügten Verletzungen für die eigenen Fehler einzustehen und sie wieder gut zu machen? Dies führt zu der Frage, welches denn eigentlich – auch im christlichen Sinne – Kriterien für eine gelingende Beziehung sind. Ein Brainstorming während des Workshops hat zu folgenden Punkten geführt:

„Beziehungen sind prozesshaft.”

Die Orientierungshilfe der EKD führt ferner die Dauerhaftigkeit einer Beziehung als Bewertungskriterium auf, außerdem ihre Generativität bzw. Fruchtbarkeit. Zweifelsohne können aus Beziehungen, in die Frauen involviert sind, Kinder hervorgehen. Sind deshalb rein männliche Beziehungen, wo dies – außer durch Adoption – nicht geschehen kann, weniger wert? Hier stellt sich die Frage, ob die Fruchtbarkeit einer Beziehung nicht auch ganz anders wirksam werden kann als durch Kinder. Man denke beispielsweise an den englischen Komponisten Benjamin Britten und seinen langjährigen Lebenspartner, den Tenor Peter Pears (die beiden waren über 40 Jahre ein Paar!). Aus der Beziehung ging ein ungeheurer kultureller Schatz hervor, der durch die gegenseitige Inspiration genährt wurde. Britten liebte Pears' Stimme und schrieb für sie unzählige Lieder, Oratorien und Opernrollen, die Pears in höchster Vollendung zur Aufführung brachte. Freilich, ähnliches ist nicht jeder Beziehung gegeben, aber Generativität kann sich in vielfältiger Weise äußern (etwa durch ein besonders vorbildliches und ausstrahlendes Sozialverhalten).

Polyamorie-Flagge
Polyamorie-Flagge

All diese Kriterien stellen natürlich – in dieser Häufung – ein Ideal von Beziehung dar. Die Vorstellung, ihnen samt und sonders zu genügen, kann lähmen und erdrücken. Beziehungen sind prozesshaft, leben auch vom „Learning by doing”, vom Versuch und Irrtum. Es wäre für Partner_innen einer Beziehung immer wünschenswert, in deren Prozess Teile dieses Ideals erlernen zu wollen. Man sollte allerdings von außen nicht mit der Moralkeule schwingen wollen, wenn Beziehungen Probleme haben und an solchen Idealen zu scheitern drohen. Zuallererst zählt der Wille, den es zu unterstützen und wertzuschätzen gilt. Beziehungen sind nicht nur in der Erfüllung des Ideals gelingend, sondern auch im ehrlichen Versuch, sich ihm schrittweise anzunähern – selbst wenn die Annäherung eine Asymptote beschreibt, die nie mit dem Ideal zusammentrifft. Eines wurde in jedem Fall in der Diskussion bewusst: Das Gelingen einer Beziehung im Sinne der genannten Kriterien ist nicht von vornherein an bestimmte Beziehungsformen gebunden! Jede denkbare Beziehungsform, die auf diesen Kriterien fußt, sie ganz oder teilweise zu erfüllen sucht, kann gelingen oder scheitern. Das gilt für die monogame Zweierbeziehung genauso wie für polyamoröse Beziehungen. Ja, einige der Kriterien können sogar in manchen promisken, zeitlich begrenzten Sexualkontakten verwirklicht werden, die durch eine besondere Sensibilität füreinander geprägt sind, durch den Wunsch, sich – wenn auch nur kurz –  intensiv, ehrlich und menschlich zu begegnen, durch Verantwortung, die füreinander während der Begegnung übernommen wird, durch das Vertrauen und Interesse, das sich gegenseitig geschenkt und entgegengebracht wird.

Bedenken überwinden – Solidarität und Hilfe weitergeben

Doch zurück zu polyamorösen Beziehungen: Auch sie können in diesem Sinne gelingen. Es steht freilich außer Frage, dass sie sehr wahrscheinlich nicht gerade einfacher gelingen als Zweierbeziehungen. Einige Schwierigkeiten mögen drohen und ihre Stabilität gefährden. Die Gefahr von Ungleichgewicht ist sicher gegeben (jedoch: nur, weil sie hier vielleicht höher ist als in Zweierbeziehungen, ist sie in solchen nicht gänzlich fort). Die Partner_innen in polyamorösen Beziehungen müssen sehr wahrscheinlich eine höhere Bereitschaft für offene, ehrliche Beziehungsgespräche an den Tag legen, müssen eine erhöhte Sensibilität für beziehungsinterne Konfliktpotentiale und Verletzungen aufweisen. Sie müssen vielleicht noch mehr füreinander verlässlich sein. Das Thema Eifersucht kann einen gewissen Grad an Komplexität erlangen. Schließlich kann der soziale Druck des Umfelds höher sein, die Familien und Freunde_innen der Beteiligten können befremdet oder ablehnend auf eine ungewohnte Beziehungsform reagieren, was negative Auswirkungen auf die Stabilität und Dauerhaftigkeit einer Beziehung haben kann. Aber nochmals: Eine Garantie auf Gelingen, auf eine Beziehung bis in den Tod hinein gibt es nirgends. Beziehungen sind immer Arbeit. Diese Arbeit kann prinzipiell jede und jeder aufzubringen bereit sein. Die Frage, wie eine Beziehungsform, eine konkrete Beziehung ethisch/moralisch/christlich zu bewerten ist, sollte allein vom Verhalten der beteiligten Personen, nicht von der äußeren Formgebung abhängig sein. Gott will gelingendes Leben. Gelingende Beziehungen, egal welcher Konstellation, Beziehungen, die sich nach den genannten idealen Kriterien ausrichten und diese zu verwirklichen suchen, sollten eigentlich ganz im Sinne Gottes sein. Daher sollten sie auch nicht ethisch/moralisch/christlich verworfen und geächtet, sondern unterstützt und wertgeschätzt werden. Vor gelingenden Beziehungen braucht niemand Angst zu haben. Niemand muss in ihnen Zeichen dafür sehen, dass die Welt unterginge, auch wenn eine konkrete Beziehungsform nicht der eigenen Lebenserfahrung gleicht.

Vancouver Pride 2014
Fußgruppe auf dem Vancouver Pride 2014
(© CC BY-NC-SA 2.0, Neal Jennings, Flickr)

Solche Ängste sind vorhanden, auch innerhalb der HuK! Im Workshop während der Tagung wurden teilweise Befürchtungen ausgesprochen, die HuK wolle (oder solle) sich für eine relativistische Gesellschaft einsetzen, in der keine Verlässlichkeit mehr zu finden ist, in der alles für gleichgültig erklärt wird, eine Gesellschaft, in der man überhaupt nicht mehr weiß, worauf man sich verlassen kann. Darum geht es aber nicht! Die HuK sollte sich als christlicher Verein für christliche Werte, für Verbindlichkeiten, gegen Oberflächlichkeit, Lieblosigkeit einsetzen. Aber ist es richtig, dabei beim eigenen Erfahrungshorizont aufzuhören? Ist es richtig, für sich selbst Toleranz, Akzeptanz, Wertschätzung und Unterstützung einzufordern, während man selbst Menschen eben diese Behandlung versagt, die wieder andere Erfahrungen außerhalb des eigenen Horizonts machen (und dabei genauso wenig Schaden anrichten wie man selbst)? Vorurteile sind platt und unredlich, und wir alle sind von ihnen nicht frei. Als Christ_innen haben wir aber die Aufgabe, uns unserer Vorurteilshaftigkeit bewusst zu werden und sie abzubauen, unser Gegenüber in seiner_ihrer Andersartigkeit und Lebenswirklichkeit verstehen zu wollen um zu erkennen, dass es oft unsere eigenen kranken Fantasien sind, die uns Ängste und Unwohlsein bereiten, wenn wir Menschen begegnen, die ihr Leben anders leben als wir selbst. Wenn man kennenlernt, welches die Beweggründe dafür sind, weshalb unser Gegenüber so lebt, empfindet, liebt, handelt, wie er_sie es tut, wenn wir lernen, uns hineinzuversetzen in andere Lebenswirklichkeiten und -entwürfe, dann schwinden oft die Ängste und werden zu einem herzhaften Lachen über die eigene Engstirnigkeit, die man wieder einen Schritt weit überwunden hat. Daraus folgt nun nicht zwingend, dass man selbst – um wieder konkreter auf das Thema dieses Textes zurückzukommen – eine polyamoröse Beziehung eingehen soll. Indem man sich dafür einsetzt, dass andere Lebens- und Beziehungsformen denselben Respekt, dieselbe Liebe erfahren können wie die eigene, sagt man nicht, dass nunmehr nur noch diese Lebens- und Beziehungsformen gefördert werden sollen. Der Einsatz für Lebenspartnerschaften, für kirchliche Segnungsgottesdienste von homosexuellen Paaren, wird dadurch nicht geschmälert oder gar eingestellt, ebenso wenig, wie die heterosexuelle Ehe durch eine entsprechende Rechtsform und durch die Möglichkeit einer Partnerschaftssegnung für Homosexuelle in irgendeiner Weise tangiert wird. Aber muss dieses homosexuelle Abbild der heterosexuellen Ehe die einzige Beziehungsform sein, für deren Akzeptanz und Unterstützung man sich einsetzt? Im gleichen Maße, wie Gesellschaft und (evangelische) Kirche mittlerweile weitgehend gelernt haben, dass von einer verantwortungsvoll geführten homosexuellen Paarbeziehung keinerlei Gefahr ausgeht, dass ihre Verbindung Respekt verdient, einen rechtlichen Status und kirchlichen Segen erhalten kann, im gleichen Maße können Gesellschaft und Kirche in Zukunft auch lernen, dass es weitere Beziehungsformen geben kann, die ebenso schützenswert sind, da sie die oben angeführten Kriterien erfüllen und ihren Beitrag zu einer verantwortungsvollen, fruchtbaren Gesellschaft leisten. Es wäre schön, wenn zukünftig viele Beziehungsformen einen rechtlichen Status erhielten, wenn Menschen, die sich in einer verantwortungsvollen polyamorösen Beziehung zusammengefunden haben, die Kirche um ihren Segen bitten könnten und nicht abgewiesen werden würden. Vorher gilt es aber, aufzuklären, Ängste abzubauen, mit Menschen ins Gespräch zu kommen, die von ihren Lebenserfahrungen sprechen, so wie das beim Thema Homosexualität schon längst geschehen ist. Wir haben dabei vielfach Solidarität und Hilfe von „Nichtbetroffenen” erfahren. Umso natürlicher muss unser Bedürfnis sein, diese Solidarität und Hilfe an andere weiterzugeben, die sie genauso verdienen wie wir selbst, denen sie aber noch verwehrt werden, weil die vermeintliche Andersartigkeit und Fremdheit ihrer Beziehungsformen Ängste weckt, die eigentlich unbegründet sind.

Dr. Franz Kaern-Biederstedt, September 2014

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