Evangelische Kirchen

Vielfalt der Lebensformen - Gleichgeschlechtliche Liebe

Sexualität verantwortlich gestalten - ein Zwischenbericht

Der folgende Text wurde, mit nur wenigen Gegenstimmen, von der Landessynode der Evangelischen Kirche von Westfalen im Oktober 1996 verabschiedet. Vielleicht liegt es an der vorsichtigen Bezeichung „Zwischenbericht”, dass er in der Öffentlichkeit nur wenig bekannt ist. Dabei verdient er sicher eine größere Aufmerksamkeit. RW

I. Landessynode 1996: Eine Zwischenstation. Das Gespräch muß weitergehen

Die Landessynode dankt allen, die sich seit 1993 am Dialog über sich wandelnde Lebensformen und verantwortlich zu gestaltende Sexualität beteiligt haben. Gerade bei dem ethisch umstrittenen und teilweise noch tabuisierten Thema der Homosexualität baut das Gespräch allein schon Vorurteile ab. Die Rückmeldungen zeigen, dass sich durch das Gespräch neue Verstehenshorizonte eröffnen und neue biblische und theologisch-ethische Erkenntnisse erschließen.

Nicht alle Gemeinden und Kirchenkreise haben sich an der Diskussion beteiligt. Die eingereichten Stellungnahmen und Anträge an die Landessynode machen jedoch deutlich, dass der Dialog Über neue Lebensformen und verantwortlich gelebte Sexualität weitergeführt werden muss. Die Beschlüsse dieser Synode stellen also keine abschließende Klärung dar. Sie markieren den jetzigen Meinungs- und Diskussionsstand, Dabei werden Gemeinsamkeiten in den theologischen Anschauungen deutlich, die so vor Jahren noch nicht denkbar gewesen waren. Davon abweichende Meinungen dürfen jedoch nicht übergangen werden. Diese gehen davon aus, dass Homosexualität nicht dem Willen Gottes entspricht, und bezeichnen homosexuelle Handlungen als Sünde. Zunehmend viele gehen jedoch davon aus, dass der Wille Gottes zuerst in der Ermutigung zu gegenseitiger Liebe und Fürsorge erkannt wird und dieses sowohl für hetero- wie homosexuelle Beziehungen gilt.

Gemeinsam ist allen Stellungnahmen die Einsicht, dass der Diskriminierung von Homosexuellen in Kirche und Gesellschaft entschieden entgegenzutreten ist. Von diesem Konsens gehen wir aus, wohl wissend, dass der Dialog weitergeführt werden muss, und zwar in einer Gesprächskultur, die dem Evangelium angemessen ist und in der wir einander im Suchen nach einer vor Gott verantworteten Lebenspraxis ernst nehmen.

II. Aus biblisch-theologischer Grundorientierung Lebensformen und Sexualität verantwortlich gestalten

Da die Diskussion über die Homosexualität oft mit der Befürchtung verbunden ist, dass die Ehe abgewertet werde, stellt die Synode fest:

Obwohl Ehe und Familie in der Vergangenheit – auch zu Zeiten der Abfassung des Alten und Neuen Testamentes –, sich immer wieder verändert und viele Gestalten angenommen haben, boten sie Möglichkeit zu gelingendem Leben. Ebenso können Ehe und Familie in ihren sich schnell wandelnden Formen heute Ausdruck gelingenden Lebens sein. Mit den biblischen Zeugen verbinden uns nicht rechtliche und soziale Bedingungen, sondern Perspektiven der gemeinsamen Lebensgestaltung, die sich auf die von Gott zugesprochene Liebe und Freiheit berufen:

Allerdings stehen wir auch vor der Aufgabe, nach den Ursachen dafür zu fragen, warum Ehen scheitern und Familien zerbrechen. Dabei ist nicht nur auf individuelle Verhaltensmuster zu achten, sondern auch auf wirtschaftliche und gesellschaftspolitische Rahmenbedingungen.

Mit der Orientierungshilfe des Rates der EKD „Mit Spannungen leben” erkennt die westfälische Landessynode an, dass auch in anderen Formen des Zusammenlebens gelingendes Leben möglich ist.

III. Diskriminierung un d Ausgrenzung von Homosexuellen in Gesellschaft und Kirche beenden

Die Kirche muss sich ihrer Schuld bewusst sein, dass sie an der Diskriminierung und Ausgrenzung homosexueller Menschen in der Geschichte beteiligt war und auch zu ihrer Verfolgung und Ermordung im Dritten Reich geschwiegen hat. Die Landessynode fordert die Gemeinden auf, heute jeder Diskriminierung, Verachtung, Verurteilung und Demütigung gleichgeschlechtlich lebender Menschen sowohl in der Gesellschaft als auch in der Kirche entgegenzutreten.

Dieses Anliegen führt zu folgenden zwingenden Überlegungen:

Im Römerbrief (1 5,7) heißt es: „Darum nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat zu Gottes Lob.” Im Sinne dieses Bibelwortes bittet die Landessynode die Gemeinden, Begegnungen mit Homosexuellen und ihren Angehörigen mehr Raum zu geben, die kirchenleitenden Gremien, ein Vorbild in der glaubwürdigen Gesprächsbereitschaft zu geben und ihren Teil dazu beizutragen, Handlungsspielräume konstruktiv und vertrauensvoll auszuloten.

IV. Am Thema weiterarbeiten

V. Den Dialog mit theologisch Andersdenkenden fortführen

Die Landessynode bittet die Einzelnen, die Gruppen und Gemeinden, in dieser Frage miteinander im Gespräch zu bleiben, auch wenn sie einzelne biblische Aussagen unterschiedlich verstehen. Gerade die Briefe des Apostels Paulus zeigen, dass christliche Grundaussagen in Fragen der Lebensführung immer wieder neu auf die jeweilige Situation hin zu konkretisieren sind, Es gilt, von der Mitte der Schrift her über die Verbindlichkeit von einzelnen Geboten neu nachzudenken in der Gewissheit der Barmer Theologischen Erklärung von 1934: „Jesus Christus ist das eine Wort Gottes, dem wir im Leben und im Sterben zu vertrauen und zu gehorchen haben.” Die Landessynode vertraut auf die befreiende Kraft des Evangeliums. Es befähigt uns,

Kirche zu sein als Gemeinschaft derer, die sich in ihrer Verschiedenheit annehmen: „Denn wie der Leib einer ist und doch viele Glieder hat, alle Glieder des Leibes aber, obwohl sie viele sind, doch ein Leib sind: so auch Christus. Denn wir sind durch einen Geist alle zu einem Leib getauft, wir seien Juden oder Griechen, Sklaven oder Freie, und sind alle mit einem Geist getränkt.” (1. Kor. 12,12–13)

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