Fundamentalismus und Konversionstherapien

Bejahung statt Umpolung

Stellungnahme der Ökumenischen Arbeitsgruppe Homosexuelle und Kirche (HuK) e.V. zu Veränderungsversuchen der homosexuellen Orientierung durch christliche Seelsorge.

„Homosexuelle Männer und Frauen waren in der Geschichte häufig Zielscheibe von Spott, Verachtung, Ablehnung und Verfolgung bis hin zur physischen Vernichtung. Ihnen ist damit schweres Unrecht geschehen. Diese Leidensgeschichte homosexueller Menschen reicht teilweise bis in unsere Gegenwart. Christen und Kirchen haben sich dabei oft nicht schützend vor die Angegriffenen gestellt, sondern sind an ihnen mitschuldig geworden. Erst das Eingeständnis und die Übernahme ihres Schuldanteils befähigt die Kirchen, ihre Einstellung zu Homosexualität und ihr Verhältnis zu homosexuellen Menschen zu klären und zu einer freien, unbefangenen Meinungsbildung über die anstehenden Fragen zu kommen.” (Aus der Orientierungshilfe „Mit Spannungen leben” vom Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland aus dem Jahr 1996)

„Eine nicht geringe Anzahl von Männern und Frauen sind homosexuell veranlagt. Sie haben diese Veranlagung nicht selbst ausgewählt. Ihnen ist mit Achtung und Takt zu begegnen. Man hüte sich, sie in irgendeiner Weise ungerecht zurückzusetzen. Auch diese Menschen sind berufen, in ihrem Leben den Willen Gottes zu erfüllen” (Aus dem Katholischen Katechismus aus dem Jahr 1993).

Diese Zitate zeigen deutlich, dass in den beiden großen Kirchen ein Umdenkungsprozess begonnen hat, wenn auch viele Kirchenleitungen in ihrer Praxis noch weit hinter ihren eigenen Formulierungen zurück bleiben.

Leider verweigern sich bestimmte Gruppen, die vor allem dem pietistischen, evangelikalen oder charismatischen Lager zuzuordnen sind, dieser Veränderung. Dabei handelt es sich um eine kleine, dafür aber umso lautstärkere Minderheit. Sie suggerieren nach wie vor, Homosexualität sei Sünde, gleichgeschlechtlich Liebende seien zerbrochene Menschen, psychisch krank, von Dämonen und Satan besetzt usw. Hier wird immer noch massiv diskriminiert, ausgegrenzt. Dieser Abwertung von Homosexualität und homosexuellen Menschen tritt die HuK entschieden entgegen. Aus unserer Sicht gibt es keinerlei biblische Legitimation zur Verurteilung von gleichgeschlechtlich liebenden Menschen (s. auch unsere Publikation „Farbe bekennen”)

Seit vielen Jahren gilt Homosexualität auch bei der Weltgesundheitsorganisation (WHO) nicht mehr als psychische Störung oder Krankheit. Es ergibt sich daher weder aus theologischer noch aus psychologischer Sicht die Notwendigkeit einer Veränderung der homosexuellen Neigung.

Verhängnisvoll ist aber die von den oben genannten Gruppierungen behauptete Veränderbarkeit (Umpolung, Konversion, Reparative Therapie einer „Ich-dystonen” sexuellen Identität) der sexuellen Orientierung, d. h. dass aus homosexuell empfindenden Menschen Heterosexuelle gemacht werden können. Menschen werden dabei unter starken religiösen Druck gesetzt. Das kann zu schweren Depressionen bis hin zum Suizid führen. Dabei gibt es genügend Untersuchungen, die belegen, dass sich die geschlechtliche Orientierung eines Menschen sehr früh festlegt und dann nicht mehr auf Dauer zu verändern ist. Jeremy Marks, einer der Wortführer der christlichen „Ex-Gay”-Bewegung in Großbritannien hat seine Ansichten über die „Heilbarkeit” von Homosexualität revidiert. Marks, der sich über 14 Jahre lang für die Bewegung engagiert hatte, hat nun zugegeben, dass er niemals in der Lage gewesen sei, seine sexuelle Orientierung oder die Anderer zu verändern. „Keiner der Menschen, die ich betreut habe, hat seine sexuelle Orientierung geändert, egal wie viel Mühe und Gebete er auch investiert hat”. Der ehrliche Weg bringe einen größeren Nutzen. Günter Baum, ehemaliger Leiter der Organisation „wuǝstenstrom”, sagt heute: „In all den Jahren bei wuǝstenstrom hat sich an meinen schwulen Gefühlen nichts geändert. Ich habe mir wirklich viel Mühe gegeben”. Die Therapien seien wie eine Haartönung: „Man kann sich so viel Blond ins Haar schmieren wie man will – die eigentliche Haarfarbe kommt immer wieder durch”. Er geht davon aus, dass sich bei nahezu allen „Therapierten” innerlich nichts verändert hat und der Rest einfach zölibatär lebt. – Selbst in einer von „wuǝstenstrom” verbreiteten Schrift wird klar gesagt, dass „Veränderung eines Homosexuellen ein schwieriges und mühseliges Unternehmen ist, dem oft genug der Erfolg versagt bleibt”. – In einem Diskussionspapier des Schweizerischen Katholischen Frauenbundes vom März 2001 ist denn auch zu lesen: Die Annahme, mit Hilfe von Seelsorge könnten Lesben und Schwule zu hetero-orientierten Frauen und Männern „umgepolt” werden, ist wissenschaftlich längst als falsch erwiesen. Seelsorge hat sich immer mit dem ganzen Menschen zu befassen, ein erzwungener Verzicht auf Sexualität oder ein „Umpolen” darf nie Ziel von Seelsorge sein. Seelsorge ist Heilssorge. Sie soll bestätigen, aufbauen, stärken, das Selbstwertgefühl steigern. Menschen, die ihre gleichgeschlechtliche Orientierung akzeptiert bzw. integriert haben, brauchen keine spezielle Seelsorge-Betreuung.

Die HuK geht davon aus, dass jeder Versuch einer Veränderung der sexuellen Orientierung einen massiven Eingriff in die Persönlichkeit eines Menschen darstellt und erhebliche psychische Probleme nach sich ziehen kann. Sie weist deshalb jeden derartigen Versuch zurück. Zudem sind wir der festen Überzeugung, dass solche Veränderungsversuche auf Dauer erfolglos bleiben. So fordert die HuK „wuǝstenstrom”, „Offensive junger Christen” (OJC) und ähnliche Gruppen auf, Veränderungsversuche einzustellen und stattdessen eine positive und bejahende Haltung zu homosexuellen Menschen einzunehmen und deren Persönlichkeit zu akzeptieren.

Gefühle wie Angst, Sehnsucht, der Wunsch nach Geborgenheit und Annahme können derart religiös überlagert sein, dass die von den oben genannten Gruppen Angesprochenen ernsthaft annehmen, wesentliche Teile ihrer Persönlichkeit zugunsten ihres Glaubens abspalten zu müssen. Hier möchte die HuK ihre Arbeit ansetzen: Wir wollen diese Menschen in ihrer Zerrissenheit ernst nehmen und sie begleiten. Wir wollen mit ihnen erleben, sie erleben lassen, wie Sexualität und Glaube, Gott und Mensch, Gebet und Liebe, Zuneigung, Zärtlichkeit und Gottesdienst einander nicht ausschließen, sondern eine neue Perspektive eröffnen: Angstfrei, ohne zu drängen, ohne zu verurteilen. Wir wollen entschlossen zeigen, wie gelebter Glaube und gelebte Homosexualität kein persönlicher Kriegsschauplatz bleiben muss, sondern ein belebender Strom in der Wüste sein darf, ein wirklicher Wüstenstrom.

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