Jahrestagung der AG Schwule Theologie e. V.

16.10.2015–18.10.2015
Reinhausen, Waldschlösschen


Armut und Migration – Wie weit reicht die schwule Solidarität?

Die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Umwälzungen machen vor Schwulen nicht halt: Generation Praktikum, prekäre Arbeitsverhältnisse, Altersarmut, Flucht und Migration – um nur einige Brennpunkte zu nennen. Andererseits verbinden Öffentlichkeit und Medien die Schwulen gerne mit Glitzer und Glamour. Doch so manche Lifestyle-Fassade lässt sich nur mühsam aufrechterhalten. Armut ist nach wie vor ein mit großer Scham behaftetes Thema und das Outing als „Armer” fällt heute schwerer als das Coming-out als Schwuler.

Wer sich aufmerksam seinen näheren und weiteren Bekanntenkreis vor Augen führt, entdeckt beispielsweise den schwulen katholischen Theologen, der aufgrund seiner sexuellen Orientierung/Identität und dem herrschenden kirchlichen Arbeitsrecht keine Anstellung erhalten hat oder dem aufgrund dessen gekündigt wurde – und der sich nun mit geringer bezahlten Jobs über Wasser halten muss. Wer kennt nicht Schwule, die vormals eine heterosexuelle Ehe führten, aufgrund von Scheidung und zu leistendem Unterhalt jedoch dem Risiko ausgesetzt sind, ihre eigene Altersvorsorge nicht im erforderlichen Maß leisten zu können und im Alter in prekäre Verhältnisse abrutschen. Krankheit war immer schon ein Armutsrisiko, wogegen unsere westlichen Versicherungssysteme abhelfen sollten. Doch wie steht es um frühverrentete Schwule, insbesondere AIDS-Kranke und HIV-Positive, die ihre Infektion bis Mitte der 1990er-Jahre als zwangsläufig todbringend begreifen mussten, die sie jedoch aufgrund der neueren Behandlungsmethoden bis heute überleben? Für schwule Flüchtlinge bestehen mehrere Hürden, in Deutschland als Asylsuchende anerkannt zu werden bzw. sich im schwulen Kontext einzufügen: Zum einen müssen sie ihre sexuelle Orientierung/Identität, weswegen sie in ihrem Ursprungsland verfolgt wurden und die sie dort verstecken mussten, im Asylverfahren selbstbewusst, deutlich und für deutsche Behörden glaubwürdig und nachvollziehbar als Asylgrund vorbringen. Das wiederum isoliert sie vom Familienverbund oder den Mitflüchtlingen, die homophobe staatliche und/oder religiöse Denk- und Handlungsmuster internalisiert haben. Zum andern wird eine Teilhabe am schwulen Leben und der schwulen Szene von Regularien des Asylrechts (z.B. Residenzpflicht) sowie den geringen finanziellen Mitteln auf ein Minimum begrenzt. Nicht zuletzt die Jugendarbeitslosigkeit in südlichen EU-Ländern führt zu einer ansteigenden Arbeitsmigration von jungen schwulen Männern nach Deutschland auf der Suche nach Anstellung. Allerdings gelingt den wenigsten auf Anhieb eine kontinuierliche Beschäftigung auf angemessenem Lohnniveau zu erzielen. Viele müssen sich auf Mindestlohn-Basis in den teuren Großstädten „über Wasser halten”.

Die Schattenseiten der „Agenda 2010” und der Flucht vor Gewalt und Krieg versuchen Kirchen, karitative Einrichtungen und Bürger guten Willens mehr und mehr praktisch zu bewältigen: Lebensmittel-Tafeln, reduzierte Preise für Bedürftige (z. B. in Einrichtungen der AIDS-Hilfen), Unterstützung von Flüchtlingen und Wohnungslosen durch Pfarrgemeinden und Orden, Rechtsberatung von ALG-/Hartz-IV-Empfängern in schwulen Kommunikationszentren, Gratis-HIV-Tests, Projekte für männliche Prostituierte/Stricher/Callboys etc.

Strukturelle Probleme scheinen dagegen weder Gesellschaft oder Kirchen noch die schwule Community substanziell an der Wurzel anzupacken: Die Gesetzgebung sorgt für eine immer noch stärkere Umverteilung von unten nach oben, von der beruflich bzw. wirtschaftlich erfolgreiche Schwule mit Verpartnerung und Ehegattensplitting durchaus profitieren. Weiterhin bestehen in der sogenannten Mehrheitsgesellschaft große Vorbehalte gegenüber Migranten und binationalen Paaren. Transsexuelle haben entweder das Lohngefälle für weibliche Beschäftigte oder die Akzeptanzprobleme in männlichkeitsdominierten Strukturen zu ertragen. Kirchengemeinden kümmern sich um Arme als Objekte der Seelsorge; als Subjekte sind sie in der Pfarrei-Arbeit peinlich und „unvermittelbar”. In der schwulen Szene gibt es aus dem Blickwinkel eines Armen hohe Hürden, am Leben teilzuhaben: Ohne Smartphone bzw. Internet kein Date über die einschlägigen Portale, ohne Geld kein Kneipen- oder Saunabesuch, ohne Trend-/Fetisch-Klamotten kein Anknüpfungspunkt für „Gleichgesinnte”.

Dem gegenüber steht ein programmatischer Papst Franziskus, der den Namen des Gründers der „Minderbrüder” auf sein Wappen schreibt, die Gestrandeten in Lampedusa aufsucht und Politikern wie Kirchenvertretern ins Gewissen redet. Der Rat der EKD beschreibt in der Denkschrift „Gerechte Teilhabe – Befähigung zu Eigenverantwortung und Solidarität”, wie Artikel 1 des Grundgesetzes („Die Würde des Menschen ist unantastbar.”) für alle Bevölkerungsschichten Geltung erlangen kann.

Auf der Jahrestagung wollen wir unsere Wahrnehmung schärfen, um versteckte wie offene Armut unter Schwulen zu erkennen und sensibel damit umzugehen. Bewusst wollen wir die persönliche Begegnung mit Betroffenen ermöglichen und uns in einem vertrauensvollen Rahmen miteinander austauschen. Wir wollen die bisherigen Vermeidungsstrategien in Kirche und schwuler Community, sich den Herausforderungen der Armuts- und Teilhabeproblematik zu stellen, selbstkritisch analysieren.
Als Gruppe wollen wir Strategien und Maßnahmen entwickeln, konkret und wirkungsvoll mehr Gerechtigkeit, Teilhabe und Solidarität unter Schwulen und LGBT* zu realisieren. Jeder Einzelne kann höhere Aufmerksamkeit auf die Situation des Anderen lenken, Sprachlosigkeit überwinden. Für jeden Einzelnen kann am Ende der Tagung stehen, dass er der Situation des Anderen mehr Aufmerksamkeit schenkt, dass er seine Sprachlosigkeit überwindet und Mut fasst, Projekte wie Migrationsberatung, Wohungslosenhilfe oder Obdachlosenzeitungen für den spezifisch schwulen Kontext zu sensibilisieren und die Isolation zu überwinden.

 

Kosten

  • 3-Bett-Zimmer, Vollverdiener: 140 €,
  • 3-Bett-Zimmer, reduziert (Rentner, Arbeitslose etc.): 110 €,
  • 3-Bett-Zimmer, Studenten/Studierende: 50 €;
  • Aufschlag für 2-Bett-Zimmer: +15 €,
  • Aufschlag für Einzelzimmer: +40 €.

In Absprache mit dem Vereinsvorstand ist eine weitere Ermäßigung bzw. ein Fahrkostenzuschuss möglich. Bitte nehmt Kontakt mit uns auf; wir wollen die Teilnahme nicht an finanziellen Gegebenheiten scheitern lassen!

Bettwäsche und Handtücher können für 5,15 € bzw. 1,50 € vor Ort ausgeliehen werden, sofern man sie nicht selbst mitbringt. Eine Sauna befindet sich im Haus, die wir am Abend benutzen können (Saunatücher sind im Entgelt von 6,00 Euro dafür enthalten). Im Teilnahmebeitrag ist die Verpflegung (8.30 Uhr: Frühstück, 13.00 Uhr: Mittagessen, 18.30 Uhr Abendessen) enthalten.

 

Anmeldung

Aufgrund der Zimmerbuchung benötigen wir die verbindliche Anmeldung bis Montag, den 20.07.2015. Für alle danach eingehenden Anmeldungen können wir nicht garantieren, dass die (gewünschte) Unterbringung möglich ist.

Die Anmeldung ist (schriftlich oder per E-Mail) zu richten an:

Christian Herz
Isareckstraße 48
81673 München

Telefon: 089 89068838
Telefax: 089 89068838
info@westh.de

Der Teilnahmebeitrag ist zu überweisen auf das Vereinskonto:

AG Schwule Theologie e. V.
Evangelische Kreditgenossenschaft EKK eG, Kassel
BLZ: 520 604 10
Konto: 350 121 3
BIC: GENODEF1EK1
IBAN: DE92 5206 0410 0003 5012 13
Verwendungszweck: „Jahrestagung 2015”

In Absprache kann der Teilnahmebetrag in bar zu Beginn der Tagung beglichen werden.


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