Die Katholische Bischofskonferenz in Polen hat am 28.8.2020 in einem umfangreichen Papier ihre „Position zu LGBT+ -Fragen“ veröffentlicht. Sie erklĂ€rt darin, dass homosexuelles Verhalten moralisch böse sei und dass diese Lehre „universell, zeitlich und rĂ€umlich unverĂ€nderlich und unfehlbar“ gelte. Gleichzeitig weist sie alle Interpretationen zurĂŒck, die das relativieren oder das Gegenteil behaupten.

Damit maßen sich die polnischen Bischöfe eine LehrautoritĂ€t an, die ihnen nicht zusteht. FĂŒr katholische LGBT-Personen geht es angesichts des absoluten Anspruchs dieser Formulierungen darum, ob sie in ihrer Kirche noch eine Zukunft haben. Nicht zuletzt torpedieren die polnischen AmtsbrĂŒder damit die Suche des „Synodalen Wegs“ in Deutschland und der deutschen Bischöfe nach neuen Formen der Anerkennung von gleichgeschlechtlichen Lebensgemeinschaften.

Die Bischofskonferenz beteiligt sich damit an dem anhaltenden Kulturkampf, der die polnische Bevölkerung aufwĂŒhlt, seit die PiS-Partei 2019 in ihrem Wahlkampf eine Kampagne zur Diffamierung von LGBT-Personen betrieben hat. Deutlich kritisieren die Bischöfe zwar Gewalt und Hooliganismus gegen LGBT-Personen, die es in Polen in den letzten Jahren immer wieder gegeben hat. Ansonsten ist das Positionspapier jedoch ein Dokument des moralischen Dogmatismus und der Ausgrenzung und Verdammung von Lesben, Schwule, Bi-, Trans*- und Inter-Menschen.

Nach Meinung der Bischöfe sind alle Menschen von Gott entweder mĂ€nnlich oder weiblich geschaffen und die zwei Geschlechter sind komplementĂ€r aufeinander hingeordnet. Schwule, Lesben und Trans-Personen mĂŒssen sich alternativlos in dieses heteronormative Schema zwĂ€ngen. Das körperliche Geschlecht diktiert IdentitĂ€t und Verhalten. Dass der Mensch eine Seele hat, scheint den polnischen Bischöfen dabei unbekannt zu sein. Das körperliche Geschlecht selbst werde durch den genetischen Karyotyp (XX oder XY) definiert. Dass diese Denkweise auf intersexuelle Menschen gar nicht anwendbar ist, weil unter ihnen auch noch andere Karyotypen vorkommen, wird beiseite gewischt. Transgeschlechtliche Menschen dĂŒrfen weder kirchlich heiraten noch Priester werden. Die Taufe wird ihnen nur dann erlaubt, wenn sie sich von ihrer TransidentitĂ€t wieder lossagen, da diese eine SĂŒnde wider den genetischen Körper darstelle. Anscheinend tritt dieser genetische Körper fĂŒr die Bischöfe an die Stelle Gottes.

„Diese wissenschaftlich erwiesen falsche Vorstellung, dass der TransidentitĂ€t eine freie Wahl der GeschlechtsidentitĂ€t zugrunde liege, wird nicht dadurch wahr, dass katholische AmtstrĂ€ger sie stĂ€ndig wiederholen und dabei immerzu nur sich gegenseitig und selbst zitieren. Wann wird das Lehramt endlich humanwissenschaftliche Forschungsergebnisse rezipieren?“ fragt sich Thomas Pöschl vom Vorstand der Ökumenischen Arbeitsgruppe Homosexuelle und Kirche (HuK) e.V.

Unter seelsorglicher Begleitung verstehen die polnischen Bischöfe lediglich, dass man zu LGBT-Personen freundlich sein soll, um ihnen sogleich eine Moralpredigt zu halten und sie danach in eine Klinik zur Konversion der sexuellen Orientierung zu stecken. Dass sich die KirchenmĂ€nner fĂŒr diese die Menschenrechte verletzende und lebensfeindliche Form von „Pastoral“ mit LGBT-Personen ausgerechnet auf Papst Franziskus berufen, ist dreist, da der Papst genau diese pastorale Methode scharf verurteilt hat.

Der Gipfel der Grausamkeit des Positionspapiers: Die polnischen Bischöfe erklĂ€ren, die Lehre, homosexuelle Handlungen seien ein moralisches Übel und zwar „universell, zeitlich und rĂ€umlich unverĂ€nderlich und unfehlbar“ (Nr. 50 im Positionspapier*).

Dr. Michael Brinkschröder, Sprecher des Katholischen LSBT+ Komitees dazu: „Angesichts der lebhaft gefĂŒhrten exegetischen Diskussionen ĂŒber das VerstĂ€ndnis der Heiligen Schrift, die den 1800 Jahre spĂ€ter entstandenen Begriff der „HomosexualitĂ€t“ noch nicht kannte, ist diese dogmatische Behauptung eine Anmaßung, die man nicht stehen lassen darf. Wieso reklamieren die Bischöfe Polens ein universelles Lehramt fĂŒr sich, das Unfehlbarkeit feststellen kann? Außerdem behaupten die polnischen Bischöfe zwar, offen fĂŒr Dialog zu sein, haben aber in den letzten Jahren jeden Versuch von katholischen LGBT-Personen, mit ihnen ins GesprĂ€ch zu kommen, zurĂŒckgewiesen. Sie tragen geistige Scheuklappen, wollen aber die gesamte Weltkirche auf ihren Kurs zwingen.“

„Unsere SolidaritĂ€t gilt besonders den LGBT-Personen in Polen, die neben der menschenverachtenden Politik der PiS-Partei nun auch noch diesen spirituellen Angriff durch die katholische Hierarchie verkraften mĂŒssen. FĂŒr viele ist das eine seelische Überforderung“, betonen Pöschl und Brinkschröder.

Die HuK und das Katholische LSBT+ Komitee rufen die katholischen Bischöfe Deutschlands daher dazu auf, mit ihren polnischen MitbrĂŒdern das kritische GesprĂ€ch ĂŒber die brisanten Fragen zu suchen. Sie sollten sich dabei vor Augen fĂŒhren, dass die dort vertretenen Positionen nicht nur in Polen, sondern weltweit viele glĂ€ubige LGBT+ -Personen in die Verzweiflung treiben.

Wir fordern auch die Vertreter_innen der Dogmatik und der Moraltheologie auf, den dogmatischen Status dieses Positionspapiers kritisch einzuordnen und ihre Argumente auch ins GesprÀch mit ihren polnischen Fachkolleg_innen einzubringen.

* Das Zitat lautet im Zusammenhang:

„50. Angesichts der verschiedenen biblischen und theologisch-moralischen Interpretationen, die das moralische Übel homosexuellen Verhaltens leugnen, erinnert die Kirche daran, dass ihre Lehre in dieser Angelegenheit auf dem Wort Gottes, der lebendigen apostolischen Tradition und dem Naturrecht beruht. Sie ist daher universell, zeitlich und rĂ€umlich unverĂ€nderlich und unfehlbar. Diese Lehre wird von der UnterstĂŒtzung des Heiligen Geistes begleitet (vgl. Zweites Vatikanum, „Konstitution ĂŒber die Göttliche Offenbarung Dei Verbum”, Rom 1965 Nr. 10; Kongregation fĂŒr die Glaubenslehre, Schreiben an die Bischöfe der katholischen Kirche ĂŒber die Seelsorge fĂŒr homosexuelle Personen, Nr. 5).“

Wer ist die HuK?

Die Ökumenische Arbeitsgruppe Homosexuelle und Kirche (HuK) e.V. arbeitet seit 1977 daran, dass Lesben, Schwule, Bisexuelle und Trans*-Menschen als glĂ€ubige Christinnen und Christen volle Anerkennung und Gleichberechtigung in ihren jeweiligen Kirchen erhalten. Dazu gehört es, dass die Kirchen SexualitĂ€t als gute Gabe Gottes begreifen und die Vielfalt der Lebensformen der Schöpfung wertschĂ€tzen lernen. Rechtliche und faktische Diskriminierung innerhalb der Kirchen muss ebenso beendet werden wie die kirchliche UnterstĂŒtzung fĂŒr Diskriminierung in anderen Bereichen der Gesellschaft.

FĂŒr RĂŒckfragen stehen zur VerfĂŒgung:

Thomas Pöschl, Vorstandsmitglied HuK e.V.,
Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschĂŒtzt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein. Mobiltel +49 163 7753581


Dr. Michael Brinkschröder, Sprecher des Katholischen LSBT+ Komitees
Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschĂŒtzt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein. Tel +49 89 65102063, Mobiltel +49 157 78814399