Vortrag von Michael Brinkschröder, gehalten am 14.09.2019 beim Vernetzungskongress des Regenbogenforums in Bielefeld.

1. Die Regenbogen-Madonna − ein Blick nach Polen

Im Mai hat die polnische Aktivistin Elzbieta Podlesna der Ikone des polnischen Katholizismus ein paar neue Farben verpasst. Der Heiligenschein der Schwarzen Madonna von Tschenstochau, wichtigstes Wallfahrtsziel in Polen, leuchtet in ihrer Version in den Farben des Regenbogens. Podlesna reagierte damit auf ein Ostergrab in ihrer Heimatstadt Plock, auf dem zu lesen war: „BehĂŒte uns vor dem Feuer des Unglaubens“, worunter neben „Verrat“, „Gier“ auch „LGBT“ und „Gender“ aufgelistet waren.1 Nachdem sie ihre Ikone als Plakat an verschiedenen Stellen aufgeklebt hatte, wurde sie festgenommen. Wegen Beleidigung religiöser GefĂŒhle drohen ihr nun nach Artikel 194 des polnischen Strafgesetzbuchs zwei Jahre Haft. Von „Entweihung“ und einem „brutalen Angriff auf die Kirche“ war die Rede.

Jaroslaw Kaczynski, der Vorsitzende der PiS-Partei aus Polen, meinte dazu: „Wir haben es mit einem direkten Angriff auf die Familie und Kinder zu tun. Die Sexualisierung der Kinder, diese ganze LGBT-Bewegung ... Gender ... Das ist importiert. Sie bedrohen unsere IdentitĂ€t, unsere Nation, und deswegen auch den polnischen Staat.“ Podlesna selbst hat den Vorwurf der GotteslĂ€sterung zurĂŒckgewiesen: „Das ist ĂŒberhaupt kein Angriff. Wie kann jemand mit einem Bild angegriffen werden?“

Der Streit um die Regenbogen-Madonna war der Auftakt der heißen Phase eines Kulturkampfes in Polen zwischen Konservativen und Liberalen. Die Liberalen und die LGBT-Bewegung erhoben die Regenbogen-Madonna zu ihrer Ikone, um die feministische Aktivistin zu unterstĂŒtzten. Umgekehrt ist sie zu einem Feindbild fĂŒr den katholisch-konservativen Teil der polnischen Bevölkerung geworden.

Der Streit um LGBT-Politik zog sich durch den ganzen Sommer bis zur Parlamentswahl im Oktober. Zuvor hatte der liberale Warschauer BĂŒrgermeister erklĂ€rt, dass an dortigen Schulen ein positives Bild von LGBT-Personen vermittelt werden sollte, woraufhin ein Sturm der EntrĂŒstung losbrach. Die PiS-Partei startete dagegen einen Feldzug und macht den Kampf gegen LGBT-Rechte, die sie langsam und behutsam zurĂŒckdrehen möchte, zu einem ihrer zentralen Wahlkampfthemen.

Die nationalkonservative Zeitung Gazeta Polska kĂŒndigte an, ihrer nĂ€chsten Ausgabe einen Sticker mit durchgestrichenen Regenbogenfarben und der Aufschrift „LGBT-freie Zone“ beizulegen. Als ein Mann erfolgreich gegen ihre Verbreitung klagte, weil seine „WĂŒrde und sein GefĂŒhl von Sicherheit und gesellschaftlicher Akzeptanz“ dadurch bedroht wĂŒrden, Ă€nderten sie den Text in „LGBT-ideologiefreie Zone“. Gleichwohl beschloss der Regionalrat, Lublin zu einer LGBT-freien Provinz machen zu wollen. Andere PiS-regierte Provinzen folgten.

Hooligans haben im Juli die 800 Teilnehmer_innen beim ersten Pride-Marsch in Bialystok mit Steinen, Böllern und Flaschen beworfen und Hetzjagden veranstaltet. Es gab 40 Gegendemonstrationen von katholischen und nationalistischen Gruppen. Diese Gewalt war selbst der katholischen Bischofskonferenz zu viel. Ihr Sprecher sagte: „Gewalt und Verachtung können auf keinen Fall gerechtfertigt und akzeptiert werden.“ Und der Vorsitzende, Stanislaw Gadecki, sagte: „Diese Menschen sind in erster Linie unsere BrĂŒder und Schwestern, fĂŒr die Christus sein Leben gab und die er zur Erlösung fĂŒhren will.“ Allerdings meinte er auch, dass der Respekt vor anderen Menschen nicht zur Annahme einer „Ideologie“ fĂŒhren dĂŒrfe, die darauf abziele, die sozialen BrĂ€uche und zwischenmenschlichen Beziehungen zu zerstören. Der Erzbischof von Krakau, Marek Jedraszewski, sprach dann in einer Predigt zum Gedenken des Warschauer Aufstandes, von der „neomarxistischen Seuche (...) in den Farben des Regenbogens“. Das wiederum brachte Kritiker auf die Straße und auch Überlebende des Aufstands protestierten gegen seine Wortwahl. Aber er legte noch nach: LGBTI-Rechte stĂŒnden fĂŒr ein „antichristliches System voller Anti-Werte“, und er forderte die Ablehnung dieses „anthropologischen Fehlers in Form von sehr gefĂ€hrlichen Gender- und LGBT-Ideologien“.2 SchĂŒtzenhilfe erhielten die polnischen Bischöfe von Kollegen aus Tschechien, der Slowakei und Ungarn.

Dem einzigen katholischen Priester, der öffentlich gegen die Wortwahl von Jedraszews-ki protestierte, wurde inzwischen ein Schweigegebot auferlegt. FĂŒr die katholischen LGBT-Gruppen bedeutet dies, dass sie in den nĂ€chsten Jahren ihren spirituellen Weg ohne die Begleitung durch Geistliche suchen mĂŒssen. Daher suchen sie dringend nach Möglichkeiten, MĂ€nner und Frauen auszubilden, die ihre LGBTI-Geschwister auf der Grundlage einer liberalen Theologie unterstĂŒtzen können.

Auch wenn diese isolierte Lage der LGBTI-Personen in der katholischen Kirche zum Verzweifeln ist, ist die gesamtgesellschaftliche Situation nicht nur negativ. Es gibt jetzt die Partei „FrĂŒhling“, die von Robert Biedron, dem bekanntesten schwulen Politiker Polens geleitet wird und zum ersten Mal ein linksliberales politisches Programm vertritt. Es gab zahlreiche Demonstrationen gegen LGBT-feindliche Äußerungen von Bischöfen und Politikern. Der Hashtag „JestemLGBT“ (Ich bin LGBT) landete an erster Stelle der Twitter-Trends. Darin erzĂ€hlen LGBT-Personen aus ihrem Alltag und bekennen sich zu ihrer IdentitĂ€t – Gesichter und Biographien gegen den Hass im Netz. Daraus 4 kurze Statements:

Arek: „Ich bin LGTB und will niemanden verĂ€ndern, ich will glĂŒcklich in meinem Land leben."

Patrysia: „Ich bin bisexuell, ich bin genauso ein Mensch wie du, ich liebe genauso wie du, ich fĂŒge niemals einem Menschen Leid zu, ich bin katholisch, aber ich wĂŒrde eine Beziehung mit einer Frau eingehen, ich finde, Gott liebt mich, so wie er mich erschaffen hat, auch wenn ich girl oder boy liebe."

MichaƂ: „Ich arbeite in der Gastronomie und sorge dafĂŒr, dass eure BĂ€uchlein glĂŒcklich sind. Ich bin LGBT."

Marcel: „Ich bin LGBT und Fußballer, der fĂŒr die nĂ€chsten fĂŒnf Jahre Tore fĂŒr deine Mannschaft schießen wird. Wirst du mir dann ins Gesicht sagen, dass ich dein Feind bin? Ich habe den Mut, in Polen zu leben, weil das mein Zuhause ist. Ich bin keine Ideologie, ich will nur lieben und nicht jeden Tag Angst haben mĂŒssen."3

Das ist nur ein Ausschnitt aus den vielfĂ€ltigen, kreativen Formen des Widerstands gegen PiS und den katholischen Klerus. Er zeigt den klaren Willen, religiöse Abwertung und EinschĂŒchterung nicht lĂ€nger hinzunehmen.

2. Eine Skizze der Anti-Gender-Bewegung

Im Folgenden möchte ich in einer kurzen Skizze darlegen, wie sich die Anti-Gender-Bewegung in vier Phasen bzw. Ebenen entwickelt hat.

2.1. Die Erarbeitung des Anti-Gender-Diskurses

Die ideologischen Wurzeln der Anti-Gender-Bewegung finden sich im Vatikan. Vor der globalen UN-Konferenz von 1995 in Peking zur Situation von Frauen in Peking hat Papst Johannes Paul II. sein Botschafter aus der ganzen Welt zusammengerufen und instruiert, dass sie bei den Regierungen gegen internationale Programme zur Geburtenkontrolle und legale und sichere Möglichkeiten zur Abtreibung vorgehen. Dies wurde unter dem Stichwort „sexual and reproductive rights“ verhandelt. Dabei ergab sich auch ein diplomatisches Tauziehen darĂŒber, ob und mit welcher Definition der Begriff „Gender“ in den Abschlussdokumenten auftaucht. Der Vatikan bestand darauf, dass es nur zwei Gender geben könne, nĂ€mlich mĂ€nnlich und weiblich. Dies wurde letztlich in einem Zusatzprotokoll festgehalten.

In Peking zirkulierte ein Text der amerikanischen Katholikin Dale O’Leary, in dem sie gegen den queeren Feminismus von Judith Butler zu Felde zog. Dieser Text wurde von einem peruanischen Weihbischof im PĂ€pstlichen Rat fĂŒr die Familien verbreitet und bildete die Grundlage fĂŒr die ideologische Auseinandersetzung mit der Gendertheorie im Vatikan. Diese Phase fand ihren ersten Höhepunkt im „Familien Lexikon“, das ab 2005 in sieben verschiedenen Sprachen erschien. Die akademischen Gendertheorien werden darin vereinheitlicht und als „Gender-Ideologie“ diskreditiert. Zwei wichtige Figuren, die am Erscheinen dieses Lexikons beteiligt waren, waren der kolumbianische Kardinal Alfonso Lopez Trujillo, der als als PrĂ€fekt des PĂ€pstlichen Rates fĂŒr die Familie sein offizieller Herausgeber war, und der französische Priester und Psychoanalytiker Toni Anatrella. Auf sie werde ich im letzten Teil noch einmal zurĂŒckkommen.

2.2. Weltweite Verbreitung

Die mit dem Familien-Lexikon und verschiedenen Veröffentlichungen der PĂ€pste Johannes Paul II. und Benedikt XVI. umrissene Lehre des Vatikans zur Gendertheorie wurde in einer zweiten Phase weltweit verbreitet. Der PĂ€pstliche Rat fĂŒr die Familie veranstaltete verschiedene Konferenzen und seine Mitglieder zogen hinaus in die Welt, um ĂŒberall die offizielle Sichtweise der katholischen Kirche auf „Gender“ zu verbreiten. Verschiedene Bischofskonferenzen, allen voran die aus den vier Visegrad-Staaten und Kroatien, veröffentlichten Hirtenworte gegen die „Gender-Ideologie“. Es gab VortrĂ€ge bei der afrikanischen Bischofskonferenz (SECAM) und in verschiedenen LĂ€ndern Mittel- und SĂŒdamerikas. In Italien wurde eine ganze Kaskade von Konferenzen organisiert, die bis auf die Ebene der Pfarrgemeinden hinunterreichte.

Übrigens war auch Jorge Bergoglio, der jetzige Papst Franziskus, Mitglied dieses PĂ€pstlichen Rates fĂŒr die Familie, was vielleicht seine bis heute bestehende reaktionĂ€re Haltung in der Gender-Frage erklĂ€rt. Immerhin hat er den Rat fĂŒr die PĂ€pstliche Familie und damit die ideologische BrutstĂ€tte des Anti-Genderismus aufgelöst, aber andere Behörden haben den Staffelstab ĂŒbernommen. Zuletzt hat die Kongregation fĂŒr das katholische Bildungswesen die Auseinandersetzung mit der Gendertheorie in dem Text „MĂ€nnlich und weiblich schuf er sie“ weitergefĂŒhrt. Darin wird so getan, als ob die Verfasser einen intensiven Dialog mit Vertreter_innen der Gendertheorie gefĂŒhrt hĂ€tten, doch zitieren sie ausschließlich vatikanische Texte. Abgesehen vom klĂ€glichen wissenschaftlichen Diskussionsniveau ist bedrĂŒckend, dass dort auch erstmalig ausfĂŒhrlicher zu Trans*- und Inter-Personen Stellung bezogen wird. So wird zum Beispiel verlangt, dass an intersexuellen Kindern geschlechtszuweisende Operationen durchgefĂŒhrt werden sollen, damit die körperliche Zweigeschlechtlichkeit in der Gesellschaft aufrechterhalten wird. Nach dem aktuellen Diskussionsstand stellt dies eine Menschenrechtsverletzung dar, da die körperliche IntegritĂ€t ohne medizinischen Grund beschĂ€digt wird. Transgeschlechtlichkeit wird in der konservativen katholischen Diskussion mit zwei Argumenten abgewehrt: Erstens wird immer wieder behauptet, dass dem die Vorstellung zugrunde lĂ€ge, dass man sein Gender jeden Tag wechseln könne. Auch wenn es Menschen gibt, die sich selbst als gender-fluid empfinden, geht dies am Kern des Selbstempfindens der meisten Trans-Personen völlig vorbei. Diese Fehlinterpretation von Judith Butlers Aussagen ĂŒber die PerformativitĂ€t des Geschlechts, wonach Gender etwas ist, das im alltĂ€glichen Leben dargestellt werden muss und dessen SpielrĂ€ume daher immer wieder neu ausgehandelt und verschoben werden können, muss daher zurĂŒckgewiesen werden. Das zweite Argument gegen TranssexualitĂ€t besteht im Vorwurf der Gnosis. Die Gnosis war im 2. und 3. Jh. n. Chr. eine Richtung des Christentums, die schnell als HĂ€resie abgelehnt wurde. Einige Strömungen der Gnosis lehnten die Materie und damit auch den Körper als unvollkommene Schöpfung eines entweder bösen oder dummen Schöpfergottes ab und suchten Erlösung in der geistigen Erkenntnis des wahren Gottes hinter dem Schöpfergott. Die gnostische Spaltung zwischen Körper und Geist wird nun auf Trans-Personen projiziert, ohne zu bemerken, dass ihre ZurĂŒckweisung des mit der Geburt gegebenen Geschlechtskörpers aufgrund der GeschlechtsidentitĂ€t und -empfindens nicht das Gleiche ist wie die ZurĂŒckweisung des Körpers ĂŒberhaupt oder gar der Materie. Außerdem ist sie nicht mit der Vorstellung eines separaten Schöpfergottes verknĂŒpft.

2.3. Übergang vom Diskurs zur Bewegung

In der dritten Phase wurde aus dem ideologischen Anti-Genderismus des Vatikans die Anti-Gender-Bewegung, der es gelang, Massenproteste gegen die Sexualerziehung von Kindern und gegen die Ehe fĂŒr alle auf die Straße zu tragen. WĂ€hrend 2004 der Versuch von Kardinal Lopez Trujillo, den Begriff „Gender-Ideologie“ nach Spanien zu tragen, um dort gegen die Ehe-Öffnung zu mobilisieren, noch erfolglos blieb, war es 2012/13 in Frankreich völlig anders. Das Netzwerk „La Manif pour Tous“ konnte bis zu einer Million Menschen auf die Straße bringen und mehrfach riesige Massenkundgebungen abhalten. Die katholischen Bischöfe blieb dabei etwas im Hintergrund, unterstĂŒtzten aber eindeutig das inhaltliche Anliegen und mobilisierten die GlĂ€ubigen, die von den Gemeinden in Bussen zu den Demos gefahren wurden. Getragen wurde La Manif pour Tous vor allem von Abtreibungsgegnern und konservativ-katholischen Familienorganisationen, was auch fĂŒr viele andere LĂ€nder typisch ist. Zum Schein wurden neue Organisationen gegrĂŒndet, die ein breiteres gesellschaftliches Spektrum vorgaukeln sollten.

FĂŒr unsere Freund_innen von David & Jonathan war das eine verheerende Erfahrung, denn sie standen weitgehend isoliert einer geschlossenen Front von katholischen Bischöfen gegenĂŒber. Auch andere Kirchen und religiöse Organisationen, wie z.B. die Muslime und der Oberrabbiner, unterstĂŒtzten die die Anti-Gender-Bewegung in Frankreich. Inzwischen hatte die vom Vatikan gesĂ€te Idee von einer „Gender-Ideologie“ auch hier Wurzeln geschlagen und ist ĂŒbernommen worden. Zu dieser Phase der grĂ¶ĂŸten Erfolge der Anti-Gender-Bewegung gehören auch zwei Volksabstimmungen in Kroatien und Slowenien, bei denen in der Verfassung festgeschrieben wurde, dass eine Ehe nur von einem Mann und einer Frau gebildet werden kann. In der Slowakei und RumĂ€nien sind diese Versuche dagegen gescheitert.

2.4. Die Verschmelzung mit dem Rechtspopulismus

Momentan befinden wir uns in einer vierten Phase: der Verschmelzung der Anti-Gender-Bewegung mit dem Rechtspopulismus. In vielen LĂ€ndern der Welt ist in den letzten Jahren ein Aufschwung des Rechtspopulismus mit neuen politischen Parteien und neuen politischen FĂŒhrern zu verzeichnen. Diese Parteien haben den Anti-Genderismus schon bei ihrer Entstehung in ihre politischen Programme aufgenommen. Die AfD ist dabei nur ein Beispiel fĂŒr viele andere rechtspopulistische Parteien, die ihre sĂŒffisante Polemik nun auch von den Parlamenten aus in die Öffentlichkeit tragen können. Zugleich haben sich ĂŒber 50 rechte NGOs in Europa zu einem geheimen BĂŒndnis zusammengeschlossen und eine „Agenda for Europe“ entwickelt, die nichts anderes zum Ziel hat, als alle gesellschaftspolitischen Fortschritte der letzten Jahrzehnte auf den Stand der 1950er Jahre zurĂŒckzuschrauben. Ein strategisches Zwischenziel auf dem Weg zu diesem Ziel ist die KĂŒrzung der finanziellen Mittel fĂŒr LGBTIQ-Organisationen auf der Ebene der EU, was vor allem ILGA-Europe treffen wĂŒrde.

In Deutschland hat die Anti-Gender-Bewegung einen etwas untypischen Verlauf genommen. Ausgelöst durch einige Artikel in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung wurde die Kritik am Gender-Begriff zunĂ€chst als Ablehnung des „Gender-Mainstreaming“ aufgefasst − ein Thema, das in anderen LĂ€ndern eher hinter der Homo-Ehe und der Sexualerziehung in Schulen zurĂŒckblieb. Zum anderen trat in Deutschland nicht die katholische Kirche in den Vordergrund, weil der Anti-Genderismus in der DBK nur wenige UnterstĂŒtzter wie die Bischöfe Voderholzer oder Algermissen fand. Das Gleiche gilt fĂŒr die katholischen FamilienverbĂ€nde, die eine LGBT-freundliche Position vertreten. Auch die katholischen und evangelischen FrauenverbĂ€nde haben sich sehr klar gegen die Anti-Gender-Bewegung positioniert. So blieben hierzulande nur konservative Evangelikale, das Forum deutscher Katholiken und die klassischen Abtreibungsgegner_innen als TrĂ€ger der „Demo fĂŒr alle“ ĂŒbrig. Zu wenig fĂŒr eine Massenmobilisierung, aber doch genug, um in Bayern das Unterrichtsziel der Sexualerziehung von Akzeptanz zu bloßer Toleranz von LGBTI-Personen herunterzuhandeln und in Baden-WĂŒrttemberg eine Revision des ursprĂŒnglich geplanten Gesetzes zu erreichen. Ich denke, dass die fĂŒr uns eher gĂŒnstige Konstellation in den Kirchen auch das Ergebnis unserer erfolgreichen Arbeit in Synoden und auf Kirchen- und Katholikentagen darstellt, aber sicher auch das Produkt der langjĂ€hrigen Arbeit an theologischen FakultĂ€ten zu feministischer Theologie und zu Gender als einer Kategorie der theologischen Forschung ist.

Inzwischen ist der Anti-Genderismus in Deutschland politisch weitgehend von der AfD aufgesogen worden. Beatrix von Storch hat die UnterstĂŒtzung durch die Anti-Genderisten quasi als Erbmasse in ihre politische Parteikarriere eingebracht und es damit bis zur stellvertretenden Parteivorsitzenden gebracht. Daneben versucht sich in der CDU die „Werte-Union“ als Plattform fĂŒr sehr Konservative zu etablieren, ohne bislang jedoch großen politischen Einfluss zu haben. Hedwig von Beverfoerde, die Macher_in hinter der „Demo fĂŒr alle“, hĂ€lt zwar Kontakte zu beiden Seiten, hat aber durch ihren Austritt aus der CDU die strategische Option einer möglichen Koalition zwischen AfD und CDU nicht gerade befördert.

3. Die Herausforderung durch den Rechtspopulismus

Die DarmstĂ€dter Soziologin Cornelia Koppetsch beschreibt in ihrem Buch „Die Gesellschaft des Zorns“ den Rechtspopulismus als einen „kollektiven emotionalen Reflex“ gegen die VerĂ€nderungen, die durch Globalisierung und Transnationalisierungsprozesse ausgelöst worden sind. Abstiegs- und VerlustĂ€ngste fĂŒhren zu einem „BĂŒndnis der Betrogenen“, das sich aus allen Klassen der Gesellschaft zusammensetzt: Ober-, Mittel- und Unterschicht. Diese emotionalen Reflexe zeigen sich laut Koppetsch in drei Dimensionen: Die Re-Nationalisierung versucht das Volk wieder zum symbolischen Zentrum unseres Denkens zu machen. Die Re-SouverĂ€nisierung bedeutet, dass Konservative danach streben, ihre verlorene kulturelle Orientierung und Vorherrschaft zurĂŒckzugewinnen. Die Re-Vergemeinschaftung stellt die kollektive Zugehörigkeit, die soziale Anerkennung vermittelt, gegen die Individualisierung und allgegenwĂ€rtige Erfahrungen von Konkurrenz.

Der Rechtspopulismus ist nach Koppetsch weiterhin durch eine „Kultur der Angst“ geprĂ€gt, die unspezifische Bedrohungen (er-)findet, die von außen wirken. Man könnte auch von einer paranoiden psychischen Struktur sprechen, die ĂŒberall Verschwörungen unterstellt und Gefahren wittert. Vergewaltigungen von deutschen Frauen durch GeflĂŒchtete waren schon ein kollektives Phantasma - zumindest unter Rechtspopulisten und dafĂŒr EmpfĂ€ngliche -, bevor sie in Köln und anderswo zur RealitĂ€t geworden sind. Den Verfechter_innen der Gendertheorie wird unterstellt, dass sie ihre Vorstellungen auf eine „totalitĂ€re“ Weise mittels internationaler Organisationen wie den UN oder der EU durchsetzen wollten. Die logische Antwort auf die „Kultur der Angst“ vor Bedrohungen von außen ist die „Kultur der Schließung“. Es mĂŒssen Mauern errichtet und Grenzen dicht gemacht werden, um all diese gefĂŒhlten Bedrohungen draußen zu halten.

Mit großer HartnĂ€ckigkeit ist es den Rechtspopulisten gelungen, die lange unhinterfragte Hegemonie des doppelten Liberalismus infrage zu stellen. Wenn Koppetsch vom doppelten Liberalismus spricht, dann meint sie die VerknĂŒpfung des wirtschaftspolitischen Neoliberalismus mit einem gesellschaftspolitischen Linksliberalismus, von dem vor allem wir als LGBTIQ-Personen der akademisch gebildeten, urbanen Mittelschicht in den letzten Jahren profitiert haben, nicht jedoch Industriearbeiter_innen und prekĂ€r BeschĂ€ftigte und nicht diejenigen, die auf dem Land leben.

Diese Kritik sollte auch uns hier herausfordern: Wir haben die „Vielfalt“ nicht gepachtet und könnten „mehr Vielfalt wagen“ – ĂŒber den Horizont von Lesben und Schwulen der urbanen Mittelklasse hinaus. Dabei ist es wichtig, dass wir nicht einfach der neoliberalen Wirtschaftspolitik das Feld und die Menschen sich selbst ĂŒberlassen, sondern uns fĂŒr eine solidarische Gesellschaft einsetzen, in der nicht nur jede_r Freiheitsrechte besitzt, sondern auch soziale und wirtschaftliche Sicherheit.

4. Unschwule Homophobiker

Zum Schluss möchte ich auch noch einen Blick auf die katholische Kirche werfen. Das Buch „Sodom“ des französischen Journalisten und Soziologen FrĂ©dĂ©ric Martel ĂŒber homosexuelle Kleriker im Vatikan hat in den letzten Wochen fĂŒr große Aufmerksamkeit gesorgt. Seine These ist nicht nur, dass die Mitarbeiter im Vatikan ĂŒberwiegend homosexuell veranlagt sind, sondern dass die kollektive Geheimhaltung dieses Umstands der entscheidende SchlĂŒssel fĂŒr das VerstĂ€ndnis der Strukturen des Vatikans sei. Er bringt viele Beispiele dafĂŒr: die Anzahl derer, die im Vatikan bei Grindr eingeloggt sind, oder Priester, die Sex mit Strichern haben oder an schwulen Sexparties teilnahmen. Er folgt den Spuren der homoerotischen Ästhetik in Kleidung, Kunstgeschmack und bei der Auswahl der Mitarbeiter.

Martel zeichnet die Geschichte des Umgangs der vier jĂŒngsten PĂ€pste mit diesem strukturellen Problem nach. Vor allem Johannes Paul II. hat demzufolge mĂ€chtigen PrĂ€laten große SpielrĂ€ume gelassen, sofern sie als stramme Antikommunisten und Gegner der Befreiungstheologie in Erscheinung traten.

Der ĂŒbelste Schurke in seinem Buch ist Kardinal LĂłpez Trujillo. Martel enthĂŒllt, dass der Kolumbianer sich bei Visitationen in Gemeinden in seinem Bistum Medellin von seinen Assistenten immer gutaussehende, junge Messdiener hat zufĂŒhren lassen, mit denen er dann sexuell verkehrt hat. Als dies bekannt zu werden drohte, verließ er Kolumbien fĂŒr immer und ließ sich im Vatikan nieder. Dort ließ er seiner sadistischen Ader im Umgang mit Strichern freien Lauf, die er nach dem Sex gerne verprĂŒgelte. DarĂŒber hinaus war er auf grobe Weise misogyn.

Als PrĂ€fekt des PĂ€pstlichen Rates fĂŒr die Familie war Lopez Trujillo verantwortlich fĂŒr die Ausbuchstabierung des weltweiten, katholischen Anti-Genderismus und er war ein erklĂ€rter Feind der Homo-Ehe. Wie sollen wir mit so einer Persönlichkeit umgehen? Wie benennen wir diese homosexuell orientierten Persönlichkeiten, die diese sexuelle Orientierung nicht nur gegen sich selbst wenden, sondern vor allem gegen alle anderen LGSBT-Personen. MĂŒssen wir im Nachhinein anerkennen, dass er „eigentlich“ schwul war und ein Opfer von verinnerlichter Homophobie? Können wir es zulassen, dass „wir“ nach dieser EnthĂŒllung von der Seite der Opfer auf die Seite der TĂ€ter rĂŒcken?

Ein zweites Beispiel fĂŒr dieses Problem ist der französische Priester Toni Anatrella. Er war der WortfĂŒhrer der Gegner der Homo-Ehe. In seinen theologischen und psychoanalytischen Publikationen hat er immer wieder behauptet, dass Homosexuelle moralisch nicht integer sein können. Inzwischen hat sich herausgestellt, dass er damit nur sich selbst beschrieben hat, denn er hat in seinen Therapiesitzungen mehrere mĂ€nnliche Klienten manipuliert und zu sexuellen Handlungen mit ihm gedrĂ€ngt.

Zwei Architekten des katholischen Anti-Genderismus, so können wir schlussfolgern, haben einen gigantischen diskursiven Apparat erschaffen, damit sie ihre eigene sexuelle IdentitĂ€t nicht wahrnehmen und als Teil ihres Selbst wahrhaben mĂŒssen. Sie haben einen Popanz in die Welt gesetzt, der anderen Angst machen soll, damit sie nicht genauer nachfragen. Den katholischen Anti-Genderismus muss man daher als ein riesiges Ablenkungsmanöver verstehen, das verhindern soll, dass nach der homosexuellen Wirklichkeit des katholischen Klerus gefragt wird.

Solange wir keine Begrifflichkeit fĂŒr derartige Persönlichkeiten haben, bei denen sich die sexuelle Orientierung entweder gegen sich selbst richtet oder gegen andere LGSBTI-Personen richtet, fallen sie immer wieder uns auf die FĂŒĂŸe. Um das in Zukunft zu verhindern, möchte ich vorschlagen, sie als „unschwul“ oder „unschwule Homophobiker“ zu bezeichnen. Homophobie kann sehr viele verschiedene psychische und soziale Ursachen haben und es ist keine Neuigkeit, dass eine typische Ursache dafĂŒr die VerdrĂ€ngung eigener homosexueller WĂŒnsche und Neigungen darstellt. Unschwule Homophobiker finden wohl nirgends ein fĂŒr sie derartig gĂŒnstiges Biotop wie im Vatikan und im mĂ€nnerbĂŒndischen Klerus ĂŒberhaupt. Sie erhalten Macht ĂŒber GlĂ€ubige, deren SexualitĂ€t sie kontrollieren und demĂŒtigen können.

Es ist höchste Zeit, dass wir dieses bleischwere Joch von uns abschĂŒtteln. Der synodale Weg in Deutschland kann ein wichtiger Meilenstein auf diesem Weg sein, wenn er es schafft, die in diesem Sinne unschwule Klerikerherrschaft in der Kirche zu beenden und religiöse Macht zu teilen − nicht zuletzt mit Priesterinnen, wie Maria 2.0 es fordert.