Der Bischof von Passau hat sich in seiner Predigt zum Fest Mariä Himmelfahrt mit Fragen von Menschenwürde und freiheitliche Demokratie befasst. Das Katholische LSBT+ Komitee teilt zwar die Überzeugung des Bischofs, dass die christliche Tradition wichtige Impulse für das Verständnis der Würde jedes Menschen gibt. Dennoch ist seine Predigt missglückt, weil er seine anfänglich nachvollziehbaren Worte von der Menschenwürde mit abwertenden Aussagen über queere Menschen, Christopher-Street-Days und gesellschaftliche Vielfalt verbindet.
Gleiche Menschenwürde für alle, weil das christlich ist
Oster argumentiert, die christliche Vorstellung gebe der Menschenwürde eine objektive Grundlage. Mit der Säkularisierung jedoch verliere die Gesellschaft diese gemeinsame Basis. Dem ist klar entgegenzusetzen: Die Menschenwürde hängt weder von sexueller Orientierung oder geschlechtlicher Identität, noch von Familienformen oder Glaubensüberzeugungen ab. Sie gilt für alle Menschen in gleicher Weise. Wer vom christlichen Menschenbild spricht, darf deswegen nicht manchen Lebensformen eine reduzierte Würde zusprechen.
Ein Bischof hadert mit queerer Sichtbarkeit
Die weiteren Ausführungen des Bischofs sind abwegig. Er nennt Christopher-Street-Days Ausdruck eines grundlegenden gesellschaftlichen Wandels, spricht von „Lebensweisen, sexuellen Präferenzen und angeeigneten Identitäten“ und fragt, ob dies der von Gott gegebenen Würde entspreche. Im Zusammenhang mit der etwas suggestiven Frage „Wenn es Gott nicht gibt, ist alles erlaubt?“ entsteht so der Eindruck, queere Sichtbarkeit stehe für moralische Beliebigkeit und Gottesferne. Zwar betont der Bischof die Würde aller CSD-Teilnehmenden, mutmaßt dann aber doch, dass queere Menschen deshalb lesbisch, schwul, bisexuell, trans, intergeschlechtlich oder nicht-binär sein könnten, weil ihnen der Glaube an Gott fehlt oder sie sich vom christlichen Menschenbild entfernt hätten.
Es ist lange bekannt, dass Stefan Oster zu den Bischöfen gehört, die permanent den geringer werdenden Einfluss der Kirchen beklagen und offenbar von vergangenen Jahrzehnten träumen. Als Katholisches LSBT+Komitee wir sind froh, in einem Staat zu leben, der Menschen mit unterschiedlichen Religionen, Weltanschauungen und Lebensformen gleiche Rechte garantiert. Keine Gruppe darf ihr Menschenbild zur verbindlichen Norm für alle erklären. Auch ein Bischof sollte das nicht tun.
Als queere Christ:innen glauben und beten wir, feiern Gottesdienste und verstehen unser Leben in Einklang mit unserer Beziehung zu Gott. Unsere geschlechtliche Identität oder sexuelle Orientierung ist ein bedeutender Teil unseres Lebens. Im Coming-out erfahren wir die befreiende Kraft unseres Glaubens.
Gerade jetzt braucht es eine solidarische kirchliche Stimme
Queere Menschen werden in unserer Gesellschaft zunehmend angegriffen. Der Christopher-Street-Day stellt sich dem entgegen und steht für Sichtbarkeit, gesellschaftliche Akzeptanz, Freiheit und gleiche Rechte. Umso erschütternder ist, dass Bischof Oster kein Wort über den Anschlag auf den Berliner CSD verliert. Dieser Angriff hätte eine klare Verurteilung und unmissverständliche Solidarität mit den Betroffenen erfordert. Wo Menschen aufgrund ihrer geschlechtlichen Identität oder sexuellen Orientierung abgewertet, angegriffen oder ihrer Rechte beraubt werden, ist seine Stimme nicht zu hören.
Oster hat sich als Theologe wie auch als Seelsorger disqualifiziert. Er hat wohl vergessen, dass Papst Franziskus schon 2013 gefragt hat „Wer bin ich, zu verurteilen“. Es ist kein Zufall, dass er alle vor den Kopf stößt, die aus ihrem Glauben heraus für Vielfalt und Liebe einstehen und für entrechtete Menschen aller Geschlechter und sexueller Orientierungen auf die Straßen gehen. Mutige queere Menschen und ihre Verbündeten passen nicht in das Weltbild des Bischofs. Auch queersensible Theologie und Queerseelsorge sind ihm seltsam fremd. Er pflegt lieber seine Kulturkampfrhetorik und warnt vor Säkularisierung oder angeblicher moralische Beliebigkeit. Oster, der sich als Evangelisierungsbischof sieht und gerne Klickzahlen generiert, steht nicht an der Seite von Menschen, deren Würde und Rechte tatsächlich angegriffen werden.
Das Katholische LSBT+ Komitee
ist ein kirchenpolitisches Arbeitsbündnis von Katholik:innen aus verschiedenen christlichen LSBT+ Gruppen und setzt sich für die Gleichberechtigung von LSBT+ Personen in der römisch-katholischen Kirche ein. Zu den Mitgliedsgruppen zählen Ökumenische Arbeitsgruppe Homosexuelle und Kirche (HuK) e. V., Netzwerk katholischer Lesben e.V. (NkaL), AG Schwule Theologie e.V., Katholische Schwule Priestergruppen Deutschlands (KSPD), KjGay der KjG (Katholische junge Gemeinde), LesBiSchwule Gottesdienstgemeinschaften (LSGG), Initiative Queer Cusanus.
Das Katholische LSBT+ Komitee ist Mitglied in der Arbeitsgemeinschaft katholischer Organisationen Deutschlands (AGKOD).
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Markus Gutfleisch
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