Konversionstherapien

 „Homosexualität lässt sich doch verändern” – Wirklich?

Konversionstherapie, Umpolung, Reparativtherapie: „Änderung ist möglich” – Was heißt das?

Was kann die Wissenschaft sagen?

Referat von Dr. Reinhold Weicker beim Evangelischen Kirchentag Dresden am 3.6.2011

© Reinhold Weicker, Paderborn

Stand 4.7.2011

 

Inhalt:

 

Vorbemerkung:

Es ist üblich, den Titel zu Beginn eines Vortrags noch einmal zu wiederholen. Hier habe ich absichtlich auch eine frühere Fassung angegeben, weil ich lange schwankte:

In englischsprachiger Literatur gibt es den Begriff SOCE („Sexual Orientation Change Effort”); er ist jedoch so sperrig, so neutral und „politisch korrekt” und so langatmig, dass er kaum benutzt wird. Ich spreche im Deutschen von „Änderung / Veränderung”.

 

Teil 1: Worum geht es eigentlich?

Der Inhalt meines Referats kann gut in der Frage zusammengefasst werden „Ist Änderung möglich?”. Denkt man genauer, mit Mitteln der mathematischen Logik (ich bin Mathematiker), darüber nach, dann kann die Aussage „Änderung ist möglich” heißen:

  1. Für jeden Menschen (der sich genügend anstrengt) ist Änderung möglich.
  2. Änderung ist nicht unmöglich, kann vorkommen, d.h. es wurden Fälle nachgewiesen (im Extremfall: 1 von 100, 1 von 1000), in denen Änderung (gemeint ist: von homosexuell zu heterosexuell) vorgekommen ist.

Es wird sofort klar: Woran die Menschen wirklich interessiert sind, das ist: Was ist der Prozentsatz von „erfolgreich” geänderten Menschen, bezogen auf die Gesamtheit derer, die das anstrebten?

Wie wird argumentiert?

Konservativ-christliche Kreise haben früher gesagt (und sagen auch heute noch): „Homosexualität ist Sünde”.

Konservativ-christliche Kreise sagen heute oft: Die Wissenschaft habe es bewiesen: „Änderung ist möglich”.

Das „Deutsche Institut für Jugend und Gesellschaft” (DIJG), von dem die meisten Informationen stammen (Leiterin: Dr. Christl Vonholt) sagt auf seinen Webseiten (www.dijg.de und www.hv-cv.de, von „Homosexualität Verstehen – Chancen zur Veränderung”): „ ... Sehr häufig, nicht immer ... ”, nennt aber offenbar keine Zahlen. Andererseits heißt es in einem Vortrag (Dr. Vonholt, Wien, Feb. 2008): „Eine größere Zahl wissenschaftlicher Studien belegt, dass eine Abnahme homosexueller Empfindungen und die Entwicklung einer reifen Heterosexualität möglich sind. So führte Robert Spitzer, Columbia Universität New York (2003) eine detaillierte Untersuchung durch. Über 60 Prozent der Männer und über 40 Prozent der Frauen hatten nach entsprechender Therapie dauerhaft zu einem „guten heterosexuellen Leben” gefunden.” (Auf die „Spitzer-Studie” werde ich nachher noch genauer eingehen. Eine Erfolgsquote, z.B. 60 % oder 40 %, wird darin ganz sicher nicht genannt.)

Eine Institution, die auch aktive Beratung mit dem Ziel der „Identitätsfindung” anbietet (sie hat den Ruf, dass darunter oft eine Abkehr von der Homosexualität verstanden wird), ist Wuestenstrom („Christliche Seelsorgeorganisation”, jetzt auch „Institut für dialogische und identitätsstiftende Seelsorge und Beratung”): Mein Eindruck ist, dass die Aussagen undeutlich sind, z.B. einerseits: „ ... Wir dürfen sie [die Veränderung] uns nicht so vorstellen, dass ein homosexuell empfindender Mensch auf einmal genauso empfindet wie ein heterosexueller.” Andererseits gibt es auch die Aussage „Änderung ist möglich”, wobei aber nicht gesagt wird, in wie vielen Fällen. Immerhin weiß ich auch von Fällen, in denen beim Vorab-Gespräch gesagt wurde: „Dann versuchen Sie eben, Homosexuell-Sein und Christ-Sein zu vereinen. Wir halten das nicht für möglich. Auf Wiedersehen”. D.h. es wurde nicht auf einer „Veränderung” im Sinne einer (von den Gegnern vermuteten) „Umpolung” bestanden.

Gegenüber den Unterstützern behält man jedoch das Bild von Homosexualität als Störung bei, z.B. Leserbrief an Idea 35/2007, Workshop-Ankündigung beim Weißen Kreuz für 2011. Solange man den Namen (abgeleitet aus „Desert Stream”, eine Organisation in den USA) nicht ändert und solange man auf diese Unterstützung (aus biblizistisch-konservativen Kreisen) baut, wird sich das vermutlich auch nicht ändern.

Als dritte Institution, die in „christlichen Kreisen” sehr bekannt ist, sei das „Werk für Sexualethik” „Weißes Kreuz” (Sitz in Ahnatal bei Kassel) genannt. Es hat früher beim Thema Homosexualität auf Wüstenstrom verwiesen, dann gab es dort auf den Webseiten einen Text des Geschäftsführers, Pfarrer Trauernicht „Die Homosexualität verstehen lernen”. (Anmerkung: Am 18.6.2011 habe ich bemerkt, dass der früher dort verfügbare Text auf den Webseiten nicht mehr auffindbar / nicht mehr verlinkt ist.) Darin hieß es u.a.: „Wenn man die Ergebnisse verschiedener Studien zusammenfasst, kann man davon ausgehen, dass ca. 40% der Homosexuellen die Kraft haben, an sich zu arbeiten und Veränderung in Richtung Heterosexualität zu erfahren. Ca. 30% leiden weiter an ihrer Neigung, ohne den sexuellen Kontakt zu leben und ca. 30% bleiben ihrer homosexuellen Neigung und Praxis treu.” 40+30+30 ergeben in der Tat 100 (Prozent), die Grundmenge bleibt aber unklar: Die 40 % erscheinen als Prozentsatz „der Homosexuellen“ insgesamt; wenn es aber heißt „30% leiden weiter an ihrer Neigung”, so kann das nur bedeuten, dass diejenigen gemeint sind, die sich an das Weiße Kreuz gewandt haben.

„Zweit-Berichte” behaupten  oft mehr, z.B. sagt ABC („Arbeitskreis Bekennender Christen”, die konservative Gruppierung in der Evangelischen Landessynode Bayern) in einem ausführlichen  Antrag zur Synode Nov. 2010: „ ... Dann aber sind die Aussichten auf eine Besserstellung bis hin zur völligen ‘Ausheilung’ sehr gut”.

Was geschieht denn in solchen „Therapien”?

Das ist schwer zu sagen, es gibt erhebliche Unterschiede. Über einige Einzel-Beispiele werden Bernd und Marcus nachher berichten.

Wenn es auf „christlich-seelsorgerlicher” Basis geschieht:

Was den „Änderbarkeits-Aussagen” gemeinsam ist

Gemeinsam ist die Aussage, dass Homosexualität nicht genetisch/biologisch bedingt sei, wie es (angeblich) die „Schwulen-Lobby” behaupte. Im Umkehrschluss wird daraus (unberechtigt) gefolgert, dass sie nur psychisch bedingt und damit änderbar sei. Und es wird gesagt, dass ein großer Teil oder auch alle Homosexuellen (Genaueres bleibt meist offen) Änderung / Heilung erfahren könne (das Weiße Kreuz nennt 40 %).

Aussagen im deutschsprachigen Raum

Aus dem deutschsprachigen Raum gibt es Einzelberichte („Ich kenne da jemanden”, „viele”), mir sind aber keine systematischen Studien von neutraler Seite bekannt.

Soweit ich von Personen weiß, die öffentlich mit Namen als erfolgreich geheilte Homosexuelle genannt werden, sind es alles Menschen, die jetzt, meist hauptamtlich, in der Beratung mit dem Ziel einer Umorientierung tätig sind: Markus Hoffmann, Stefan Schmidt (beide Wüstenstrom), Michael Gerlach (Psychologe), Christoph Kiene (Pastor, Gemeinde der FEG), Roland Werner („Christustreff” Marburg, jetzt Vorsitzender CVJM; keine Aussagen zum Thema aus den letzten 10-15 Jahren, früher jedoch aktiv in Sachen Homosexualität tätig).

Anonym werden weitere Personen genannt. Allerdings werden Menschen, bei denen ein Versuch der Veränderung erfolglos war, als schädlich empfunden wurde, auch von der anderen Seite meist nur anonym genannt. (Bsp. „Ex-Gay Observer”).

Ich kenne namentlich/persönlich nur zwei Menschen, die eine „Therapie” versucht haben („erfolglos”): Bernd Hartwig, Marcus Miebach. Die Identität anderer Personen wird strikt unter Verschluss gehalten: Dies kann aus Rücksicht auf den Menschen gerechtfertigt sein, es erschwert aber natürlich die Nachprüfbarkeit.

Teil 2: Arbeiten in den USA: Spitzer, Shidlo/Schroeder, Jones/Yarhouse

Genannt werden fast immer eine oder mehrere der drei folgenden Arbeiten:

Vor einer Darstellung der einzelnen Arbeiten noch eine allgemeine Vorbemerkung zur „Erfolgsquote”:

Für Interessierte ist in diesem Zusammenhang vor allem wichtig:

Zum Thema „Erfolgsquote”  gibt es im Abschnitt „FAQ” (Frequently Asked Questions = Häufig gestellte Fragen) der Webseite von „Exodus International”, einem Dachverband christlicher Änderungsbefürworter (örtlich in den USA basierend) die Frage „Was ist die Erfolgsquote, wenn es um die Änderung von homosexuell nach heterosexuell geht?” („What’s the ‘success rate’ in changing gays into straights?”) Die Antwort ist: „Lass uns die Frage umformulieren. Gibt es begründete Hoffnung dafür, dass Männer und Frauen, die Anziehung zum gleichen Geschlecht erleben, diese Versuchungen überwinden und ein Leben in sexueller Intergrität führen können?” („Let’s rephrase that question. Is there realistic hope that men and women who experience same-sex attraction can overcome those temptations and lead a life of sexual integrity?” ...) usw. (aus der Webseite von Exodus, März 2011). Der Text ist zu lang, um ihn hier insgesamt wiederzugeben; eine Prozentzahl wird auf jeden Fall nicht genannt. Man beachte, wie hier schon die benutzten Worte gezielt ausgewählt sind: Aus dem neutralen „gay” wird „those temptations”, aus „straight” wird „life of sexual integrity”.

Spitzer-Studie

Spitzer ist bei Verfechtern der „Änderbarkeit” besonders beliebt, weil er bei der Entscheidung der APA (1973), Homosexualität aus dem Katalog der psychischen Krankheiten zu streichen, eine wesentliche Rolle gespielt hatte. Als wichtige Punkte seiner Studie können genannt werden:

Ist diese Aussage vielleicht dem Weißen Kreuz gegenüber unfair? Ich habe in dem genannten Text nachgesehen: Die 31 % werden darin wörtlich genannt. Bei Spitzer.habe ich sie nicht gefunden; ich kann aber nicht ausschließen, dass er diese Zahl doch irgendwo genannt hat. Sicher aber nicht als „Erfolgsquote”: Seine ganze Studie war so angelegt, dass man davon nicht sprechen kann.

Nachträgliche Einschätzung durch Spitzer

Spitzer selbst hat nachträglich seine Studie wesentlich kritischer gesehen, etwa so: Wenn ich gewusst hätte, in welcher Richtung sie ausgenutzt wird, wäre ich viel vorsichtiger gewesen.

Er hat vermutlich (ebenso wie ich) die Beobachtung gemacht: Die meisten Organisationen, die „ ... ist änderbar” propagieren, sind zugleich in der Öffentlichkeit gegen eingetragene Partnerschaft, gegen Gleichberechtigung usw. tätig (Exodus, NARTH in USA, DIJG in Deutschland). Eine Ausnahme ist (hier in Deutschland) Michael Gerlach.

Ein Video (englischsprachig) mit Spitzers Stellungnahme (2007) findet sich bei Youtube und bei truthwinsout.

Shidlo/Schroeder-Studie

Die zwei Psychiater hielten beim selben APA-Kongress (2001) wie Spitzer einen Vortrag; auch er erschien später als Zeitschriften-Artikel. Er wurde in der Öffentlichkeit jedoch viel weniger zitiert als Spitzer.

Sie hatten fast die gleiche Anzahl von Personen (202, von ursprünglich 216) wie Spitzer. Die Durchschnittszahl der Therapie-Sitzungen je Teilnehmer betrug 188 (die Befragung geht dementsprechend öfters weit in die Vergangenheit zurück); die Autoren bezeichnen die Sitzungen teils als „klinisch” (therapeutische Fachleute), teils als „nicht-klinisch” (meist religiös motivierte Gruppen).

87 % der Befragten bezeichnen sich als „Fehlschlag”, 13 % als „Erfolg”. Die Gruppe „Fehlschlag” wurde von den Autoren aufgegliedert in „mit Problemen / ohne Probleme”; dies soll hier nicht weiter behandelt werden.

Interessant für uns ist eine genauere Aufgliederung der Untergruppe „Erfolg / Es hat geholfen“ (13 %): „We found that some participants also reported feeling helped. For a minority (4%), conversion therapy provided help in shifting their sexual orientation. Others (9%) ... were content with being celibate ... ”.

Wichtig scheint mir: Von den 8 Personen in der Gruppe „Verschiebung zum Heterosexuellen hin” („heterosexual shift”, 4 %) waren 7 selbst in der Ex-Gay-Beratung tätig, 4 davon als bezahlte Mitarbeiter.

Es gab an dieser Arbeit auch Kritik:

Die Autoren sind als schwule Therapeuten bekannt. Die Kritik lautete: „Dann kann das doch nicht wissenschaftlich sein”. Andererseits: Würde eine wissenschaftliche Arbeit zur Rassen-Diskriminierung zurückgewiesen werden, nur weil die Autoren vielleicht Schwarze sind? Sie müssen sich freilich an den gleichen wissenschaftlichen Kriterien messen lassen wie alle anderen.

Schwerwiegender ist der Einwand: Die Suche nach Probanden (die ersten 20) begann unter dem Titel „Homophobe Therapien: Den Schaden dokumentieren”. Später wurde neutral formuliert: „Änderung der sexuellen Orientierung: Hilft therapeutische Beratung?” Die Autoren fragten ihre Probanden auch explizit nach möglichen Voreingenommenheiten („bias”) und diskutierten die Ergebnisse ausführlich.

Von Shidlo wird als Kommentar zitiert: „Würde ein Medikament zugelassen werden, das zum Beispiel fünf von hundert Menschen hilft, aber 35 der 100 schwer schadet, und das für den ganzen Rest keine Wirkung hat?”

Jones/Yarhouse-Studie

Anders als die zwei anderen Studien ist diese nur als Buch veröffentlicht, Titel „Ey-Gay?” (2007, 414 Seiten). Das Projekt wurde von Exodus angeregt und finanziert. Es ist, und das ist neu, angelegt als Langzeit-Studie („longitudinal study”): Wissenschaftliche Begleitung schon von Anfang an. Dies wurde versucht, aber nicht ganz durchgehalten (Es gibt „Phase 1 / 2 Participants”).

Der Vorteil ist: Es ist keine Rück-Erinnerung nötig („Wie habe ich damals empfunden?”), sondern die Teilnehmer (im Idealfall: alle) werden zu Zeitpunkten 1, 2, 3 befragt, also auch gleich zu Anfang.

Der Nachteil ist: Man muss die Teilnehmer von Exodus vermittelt bekommen, sonst könnte man sie gar nicht zu einem so frühen Zeitpunkt schon befragen. Damit hat Exodus Einfluss auf die Auswahl. Die Autoren beklagen auch ganz offen (S. 119): „Wir hätten lieber mit 300-400 Probanden angefangen, bekamen aber nur 100 vermittelt.”

Das Buch beginnt mit einer langen Einleitung mit Argumentation gegen die („den Schwulen” zugeschriebene) These „Homosexualität ist immer unveränderbar”. Die eigentlichen Studie beginnt auf Seite 230.

Die Autoren kennen und nutzen die üblichen Methoden der sozialwissenschaftlichen Forschung, es gibt viele Prozentzahlen, Diagramme usw. Der ganze wissenschaftliche Apparat wird jedoch für nur 98 Personen angeworfen. Als „Erfolg” genannt werden 38 % bzw. 26 %.

Die Autoren verschweigen nicht – das muss zu ihren Gunsten vermerkt werden –, wenn es Fakten gibt, die gegen ihre Haupt-Thesen sprechen. Beispiel: Die zweite Haupt-These des Buches, „ ... schadet nicht”, wird durch Durchschnitts-Berechnung „nachgewiesen”; zwei Fälle von extremem Schaden (2 Selbstmorde, von Personen außerhalb der Studie) werden aber erwähnt.

Als Hauptergebnis wird angegeben: Es gibt Personen (immerhin 9-10 Personen = 10-11 %), die angeben, sie seien „Erfolgsfälle” im Sinne von „Jetzt bin ich hetero”.

Aber: Von 5 dieser Personen werden im Buch wörtliche Zitate genannt; ihnen kann man entnehmen, dass mindestens 2 (vielleicht auch 3) von ihnen eine Stellung als Pfarrer anstreben („going into the ministry”); man kann annehmen: in einer Gemeinde, die Homosexualität ablehnt: Kann man da etwas Anderes erwarten als eine Selbst-Charakterisierung „Ich bin ein Erfolgsfall”?

Wenn ich oben „9-10 Personen” geschrieben habe, so hat das einen Grund: Eine Person gab zum Zeitpunkt der Datenerhebung an, sie sei ein Erfolgsfall („Success: Conversion”). Später, aber noch vor Drucklegung des Buches, widerrief er dies und gab an, er bekenne sich doch wieder zu einer schwulen Identität („gay identity”). Die Autoren konnten das in den Auswertungen nicht mehr berücksichtigen; sie gaben an, sie würden es in einer späteren Neuauflage tun. Eine solche Neuauflage ist bisher (bis 2010) nicht erfolgt.

Das Hauptergebnis des Buches steckt im „Torten-Diagramm” auf Seite 283:

Tortendiagramm 1 Jones/Yarhouse-Studie

Tatsächlich ergeben 15 % + 23 % die oft genannten „38 % Erfolg”. Es wird jedoch oft verschwiegen, dass, ebenso wie bei Shidlo/Schroeder, der überwiegende Teil davon „Success: Chastity” ist, also Verzicht auf jegliche Sexualität. Das ist natürlich möglich; ein skeptischer „weltlicher” Wissenschaftler würde jedoch fragen: Sind das nicht nach wie vor vom Empfinden her Homosexuelle, die ihre Sexualität nur nicht leben? Ein unbefangener Leser, dem von „Änderung” erzählt wird, wird vermutlich nur die 15 % als „echte” Änderung betrachten.

Es kommt jedoch noch „schlimmer”: Zum Zeitpunkt T3 gab es immerhin 33 % Ausfälle („dropouts”, z.B. unbekannt verzogen, kein Interesse mehr, usw.). Die Vermutung liegt nahe, dass die „dropouts” wohl eher bei den Misserfolgen mitzuzählen wären; die Autoren diskutieren dies auch ganz offen. Das Diagramm auf Seite 285 des Buches teilt diese Fälle, etwas willkürlich, zu je einem Drittel auf „non-responding”, „confused”, „gay identity” auf. Bei dem folgenden Diagramm sind die „dropouts” statt dessen als eigene Gruppe gezählt; beide Darstellungen haben jeweils Gründe, die dafür sprechen. Die Prozentzahlen der „Erfolgsfälle” vermindern sich in jedem Fall entsprechend; es sind dann 10 % „Success: Conversion” und 16 % „Success:Chastity”, zusammen also 26 %. Wenn man den oben beschriebenen Fall der verfrühten falschen Zuordnung mit einbezieht, bleiben nur 9 % „Success: Conversion”, also „eigentlicher Erfolg”.

Tortendiagramm 2 Jones/Yarhouse-Studie

 

Teil 3: Zusammenfassung

Zusammenfassend kann man sagen:

Spitzer, Jones/Yarhouse, und (oft verschwiegen) Shidlo/Schroeder sind die einzigen Autoren, die wissenschaftlich/quantitativ etwas sagen (Institutionen und Personen, die selbst „Therapie” anbieten, nennen aus verständlichen Gründen höhere Zahlen). Wenn man genau hinsieht: Die Daten sind, im Sinne der Heilbarkeits-Anhänger, enttäuschend:

Es bleibt die Frage: Wo sind denn die großen Zahlen von „Geheilten”?

Die USA haben ca. 209 Mio. Einwohner zwischen 15 und 65 Jahren. NARTH hat (nach eigener Aussage) nahezu 1.500 Mitglieder, die überwiegend in therapeutischen Berufen tätig seien; Exodus spricht von „240 member agencies” in Nordamerika. Bei Wüstenstrom seien in den letzten 10 Jahren über 3.000 „Menschen mit einem homosexuellen Problem” gewesen (Leserbrief Markus Hoffmann an Idea, Aug. 2007).

Wenn man genau hinsieht: Die Daten sind, im Sinne der Heilbarkeits-Anhänger, enttäuschend.

Man wird bei kritischer Betrachtung das Gefühl nicht los:

Valeria Hinck schrieb dazu (2004): „Die Prämisse, Homosexualität müsse von der Bibel her falsch sein, ist so stark, dass mit aller Macht der wissenschaftliche Nachweis gesucht wird. Allzu oft wird dabei bestenfalls selektiv wahrgenommen und schlimmstenfalls auch kurzerhand ein wissenschaftliches Ergebnis völlig verbogen”.

Die grundlegende Webseite „Homosexualität Verstehen” [unterlegen: www.hv-cv-de] des „Deutschen Instituts für Jugend und Gesellschaft” (DIJG) nennt unter „Studien”: Spitzer und Jones/Yarhouse. Zu Jones/Yarhouse gibt es allerdings dort nur eine Buch-Rezension von Prof. George W. Rekers, die das Buch in höchsten Tönen lobt („die bislang beste wissenschaftliche Untersuchung”). George Rekers wurde seit dem Miami-Skandal von NARTH usw. „aus dem Verkehr gezogen”. (Er wurde mit einem schwulen Callboy gesichtet, der ihm bei einem Europa-Trip nackte Massagen gab.)

Aber: DIJG ist eine Unter-Gliederung von OJC (Offensive Junger Christen). Viele denken „Das sind doch gute Christen, und eine Frau Doktor leitet das Ganze”.

Einige abschließende Bemerkungen

Wir sind der Argumentation nachgegangen: „Die Wissenschaft hat doch bewiesen, dass man davon loskommen kann.”

Die einzigen empirischen Studien mit Wissenschafts-Anspruch stammen aus den USA, und eine genauere Betrachtung zeigt: So „erfolgreich” sind die Ergebnisse gar nicht. Berichte aus Deutschland oder dem deutschsprachigen Raum nennen nur Einzelfälle oder zusammengefasste, oft fiktive (interpretativ gefärbte? jedenfalls: anonyme) Berichte. Was bleibt also? Ich will nicht behaupten, dass es nirgendwo eine „erfolgreiche” Veränderung geben kann. Es kann ja irgendwo auf der Welt einen weißen Elefanten geben; nur mir ist noch keiner begegnet.

Ausführliche, sachliche Berichte gibt es (außer hier auf der HuK-Webseite) auch bei www.zwischenraum.net/heilung.htm

Auswirkungen auf die Kirchen

Dieser Aspekt, die Auswirkungen auf die Kirchen, ist mir besonders wichtig. Denn in den Kirchen wird zunehmend mit „Die Wissenschaft hat gezeigt ... ” argumentiert. Die genauere Betrachtung hat gezeigt: Die Wissenschaft (selbst die von den Befürwortern angeführte) hat eher die geringe Wahrscheinlichkeit gezeigt. Wenn in den Kirchen diese „Wissenschaft” um sich greift, liegt die Folgerung nahe: Diese Leute können gut aus den Gemeinden oder zum Beispiel aus dem Pfarramtausgeschlossen werden: „Die könnten ja anders, wenn sie nur wollten”.

Ein Beispiel sehe ich im ABC-Papier zur bayerischen Landessynode, November 2010: Dort gab es

Mit den Sätzen

In den Kirchen: Stimmt das, Frau Dekanin? Dazu freue ich mich auf die Diskussion (später) und

Vorher noch zwei Berichte von Menschen, die eine Änderung versucht haben.

leitete der Vortrag beim Kirchentag zu den beiden weiter folgenden Teilen (Erfahrungsberichte, Diskussion) über.

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Anmerkung des Autors: Der Text greift in vielen Teilen auf Beobachtungen zurück, die schon in früheren Texten auf den HuK-Webseiten dokumentiert sind. Zugriff auf alle diese Texte über  www.huk.org. Was mir beim Zusammentragen der Berichte diesmal besonders auffiel: Die Parallelität der Shidlo/Schroeder-Zahlen (7 von 8 der Personen „heterosexual shift bieten selbst Exgay-„Therapie an) zu Beobachtungen in Deutschland. Auch bei Spitzer und Jones/Yarhouse gibt es Parallelen dazu.

Der hier wiedergegebene Text entspricht dem Vortrag, wie er beim Kirchentag 2011 in Dresden gehalten wurde; aus Gründen des Urheberrechts wurden auflockernde Karikaturen hier in der Internet-Version weggelassen. Es schlossen sich zwei Berichte von (vergeblichen) Änderungsversuchen und eine allgemeine Diskussion an.

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